RuhrGesichter

von Regina Schleheck

Zwischen    dem    Stadtpark    Hochlarmark    und    der    Halde Hoheward    gibt    es    eine    Brücke    in    Form    eines    riesigen Drachen.   Fast   zweihundert   Tonnen   Stahl   schlängeln   sich   da durch   das   ehemalige   Abbaugebiet.   Das   Bemerkenswerteste ist   aber,   dass   der   Drache   zurückblickt.   Wer   über   die   Brücke geht,     kann     sich     des     beklemmenden     Gefühls     nicht erwehren,    der    Drache    schaue    sich    gerade    nach    dem Leckerbissen   um,   der   ihm   da   quasi   als   gefundenes   Fressen vor den Rachen läuft. Keine   Sorge,   der   reißt   sein   Maul   nicht   mehr   auf!   Und   zwar gerade   weil   er   sich   umguckt!   Täte   er   das   nicht,   stünde   er nicht da.
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Der Basilikumdrache

Und   noch   eine   Besonderheit   hat   diese   Brücke,   die   aber   den   wenigsten   Besuchern   bisher aufgefallen   ist:   Rund   um   die   Brückenfüße   wächst   büschelweise   Basilikum.   Das   pflanze   ich dort jedes Jahr ganz frisch, weil der Schneckenfraß ihm doch immer wieder sehr zusetzt. Es    ist    mir    ein    persönliches    Bedürfnis.    Ein    Stinkefinger    gewissermaßen,    den    ich    dem Drachen   zeige.   Dem   Basilikumdrachen,   der   in   Wirklichkeit   gar   kein   Drache   ist.   Und   auch wenn   er   sich   nichts   anmerken   lässt   –   anmerken   lassen   kann   –,   ich   weiß,   dass   es   an   ihm frisst.   Das   ist   mir   die   Mühe   in   jedem   Falle   wert.   Schließlich   war   er   auch   keinesfalls zimperlich. Anfang   2008   war   es,   als   man   mich   in   die   Zeche   Mont   Cenis   in   die   achte   Sohle   im   Ostfeld schickte.   Ich   sollte   einige   für   die   Stabilität   der   Stützkonstruktion   unverzichtbare   Stahlträger in    Hinsicht    auf    Korrosions-    und    sonstige    Schäden    kontrollieren    und,    wo    möglich, Ausbesserungsarbeiten   vornehmen.   Sämtliche   Aktivitäten   in   den   östlichen   Abteilungen waren   nach   dem   Grubenbrand   im   Dezember   1965,   also   schon   lange   vor   der   endgültigen Stilllegung   der   gesamten   Zeche   im   Jahr   1978   eingestellt   worden.   Zwar   hatte   man   gerade 1963   erst   die   Mont   Cenis   mit   der   Zeche   Friedrich   der   Große   zu   einer   Verbundanlage zusammengefügt   und   die   unterirdischen   Verbindungswege   erweitert,   aber   von   da   an   ging es   mit   der   Steinkohle   steil   bergab.   Der   Abbau   wurde   abgebaut   und   die   Bergmannschaft nach    und    nach    ›angepasst‹,    wie    man    den    vorgezogenen    Ruhestand    beschönigend umschrieb.   Ein   Großteil   der   Schächte   wurde   verfüllt.   Aber   da   die   Verfüllungssäulen   durch Grubenwasser   immer   wieder   aufgeweicht   wurden,   mussten   die   abgeworfenen   Schächte regelmäßig   über   Kontrollschächte   inspiziert   werden.   Eine   hundertprozentige   Verwahrung gibt   es   nicht.   Von   dem   labyrinthischen   Gängesystem   waren   viele   Fragmente   erhalten geblieben,   zum   Teil   aus   Schlamperei,   zum   Teil   zur   Wetterführung,   bzw.   weil   man   eben Kontrollen   ermöglichen   wollte.   Ich   gehörte   1978   noch   nicht   zum   alten   Eisen,   daher   hatte man   mich   umgeschult.   Zum   Schlosser   und   Fachschweißer.   Und   da   ich   mich   unter   Tage bestens   auskannte,   wurde   ich   von   der   Firma,   die   die   Sicherheit   der   Verwahrung   zu garantieren   hatte,   übernommen.   Auch   hier   sparte   man   zuallererst   am   Personal,   daher waren wir – natürlich mit Hochleistungs-Funkgeräten ausgerüstet   –   meist   allein   unter   Tage   unterwegs.   Wenn   der   Job   nicht   ansonsten   ganz anständig   bezahlt   worden   wäre,   hätte   ich   ihn   sicherlich   längst   hingeschmissen.   Er   ist nichts   für   zartbesaitete   Menschen.   Die   physischen   Belastungen   unter   Tage   sind   schon schlimm    genug.    Dazu    kommt    das    psychologische    Moment.    Die    Einsamkeit,    fern    der Erdoberfläche,   nur   über   das   gelegentliche   Knacken   und   Rauschen   des   Funkgeräts   noch mit   anderen   Menschen   verbunden.   Und   dann   der   Anblick   der   halb   mit   Schutt   oder   Beton verfüllten    Schächte,    der    verrottenden    Hinterlassenschaften    und    Arbeitsspuren    von Bergleuten,   die   hundert   Jahre   hier   geschuftet   hatten!   Angesichts   des   Verfalls   überkommt einen   unwillkürlich   eine   Ahnung   davon,   welcher   Bedrohung   die   Kumpel   sich   –   gerade   in den   Anfängen   –   ausgesetzt   gefühlt   haben   mussten.   Die   Erinnerung   an   die   Katastrophe: Mont   Cenis   war   im   Jahre   1921   Schauplatz   eines   dramatischen   Zwischenfalls   gewesen:   Ein Schießhauer,   hieß   es   damals,   hätte   verbotenerweise   mit   Dynamit   in   der   Kohle   gesprengt und   so   eine   Schlagwetterexplosion   ausgelöst,   die   fünfundachtzig   Bergleute   das   Leben kostete.    Einen    Zusammenhang    zu    dem    Grubenbrand    vierundvierzig    Jahre    später    sah niemand,   und   auch   ich   wäre   nicht   dahinter   gekommen,   wenn   ich   nicht   die   Akten   gründlich studiert   hätte.   Daraus   ging   hervor,   dass   die   Leichen   der   Kumpel,   soweit   sie   noch   hatten geborgen    werden    können,    in    einem    fürchterlichen    Zustand    gewesen    sein    mussten. Abgerissene   Gliedmaßen,   zerfetzte   Körperteile,   zum   Teil   bis   zur   Unkenntlichkeit   verbrannt. Der   Gerichtsmediziner   Dr.   Paul   Graeten,   der   zuvor   in   Deutsch-Südwestafrika   gedient   und nicht    nur    die    Gräuel    der    Herero-Aufstände    kennengelernt,    sondern    auch    die    unter menschenunwürdigsten    Bedingungen    schuftenden    Arbeiter    in    den    Diamanten-    und Kupferminen   untersucht   hatte   und   leidenschaftlicher   Safari-Jäger   gewesen   sein   musste, notierte   nach   der   Leichenschau:   »Die   Hingeschiedenen   wiesen   grässliche   Verletzungen auf,   die,   wenn   ich   es   nicht   besser   wüsste,   von   den   Zähnen   eines   großen   Raubtiers stammen   könnten,   zumal   etliche   Leiber   nicht   nur   völlig   verstümmelt   sind,   sondern   die fehlenden   Körperteile   nicht   aufgefunden   wurden.«   Als   ich   an   jenem   Aprilmorgen   2008   die Kontrollgänge   abschritt,   hatte   ich   diesen   Befund   zum   Glück   noch   nicht   im   Kopf.   Ein   Gefühl der   Beklommenheit   war   allerdings   mein   ständiger   Begleiter   da   unten,   und   das   Gefühl verstärkte   sich,   als   ich   auf   die   Abdeckplatte   stieß.   Sie   hatte   einen   Abstiegsschacht   bedeckt und    war    verschoben    worden.    Ich    wunderte    mich    ein    bisschen,    weil    ich    mich    nicht erinnerte,   dass   es   im   letzten   halben   Jahr   einen   Erdstoß   gegeben   hatte,   der   solche   Kräfte hätte   wirksam   werden   lassen.   Die   Platte   war   nicht   nur   ziemlich   groß   und   schwer,   sondern mit   Schrauben   gesichert   gewesen.   Die   Schrauben   waren   bis   auf   eine   gebrochen   und   die Platte   so   weit   verschoben,   dass   der   Schacht   darunter   fast   vollständig   freigelegt   worden war.   Das   nächste,   was   mir   in   den   Sinn   kam,   war   eine   Gasexplosion,   deren   Wucht   die   Platte bewegt   haben   mochte.   Ich   konnte   das   Loch   darunter   schlecht   einsehen,   weil   meine Lampe   nicht   allzu   weit   reichte,   aber   Schäden   waren   nicht   auszumachen.   Es   handelte   sich um einen offenen Schacht,    den    man    nicht    verfüllt,    aber    dennoch    verschlossen    hatte,    weil    er    zu Kontrollzwecken   nichts   hergab.   Es   kostete   mich   ziemlich   viel   Kraft,   die   Abdeckung   wieder zurückzuschieben.   Ich   kniete   am   Boden   und   keuchte,   und   der   leere   Schacht   unter   mir verstärkte   den   Hall   meiner   Stimme.   Als   die   Platte   wieder   exakt   auf   ihrer   ursprünglichen Position   angekommen   war,   machte   ich   mich   auf   den   Weg   zurück   zum   Förderkorb,   um unter   dem   Werkzeug   das   transportable   Schweißgerät   herauszukramen,   packte   es   samt   der Gasflaschen   und   einigen   Bolzen,   die   ungefähr   der   Größe   der   Schrauben   entsprachen,   auf einen    Rollwagen    und    kehrte    zum    Schacht    zurück.    Ich    steckte    die    Bolzen    in    die ausgebrochenen Schraubenlöcher, schloss das Gerät an, setzte    die    Brille    auf,    öffnete    die    Flaschenventile,    griff    mir    den    Brenner,    zündete    die Flamme,   klappte   die   Schutzgläser   herunter   und   stellte   das   Gasgemisch   ein.   Dann   begann ich   die   Bolzen   einen   nach   dem   anderen   in   den   Schraubenlöchern   festzuschweißen.   So!   Die Platte   würde   so   ohne   Weiteres   nicht   mehr   verrutschen!   Da   müsste   schon   ein   mächtiges Erdbeben   kommen.   Noch   während   ich   das   dachte,   spürte   ich   die   Sohle   unter   mir   auf einmal   so   heftig   vibrieren,   dass   ich   das   Gleichgewicht   verlor   und   unsanft   auf   dem   Gesäß landete.   Im   nächsten   Moment   sprang   mich   etwas   Großes   von   links   aus   der   Dunkelheit   an, drückte   mich   auf   den   Boden   und   lastete   schwer   auf   meiner   Brust.   Den   linken   Arm   konnte ich   nicht   mehr   bewegen,   der   rechte   wurde   hinter   meinem   Kopf   heruntergedrückt,   spitze Klauen   bohrten   sich   in   meine   Schultern.   Trotz   des   jähen   Schmerzes   ließ   meine   Hand   den Brenner instinktiv nicht los.   Das,   was   da   auf   mir   lag,   fühlte   sich   an   wie   ein   riesiger   Schuppenleib.   Unter   meiner Schweißerbrille   war   ich   fast   blind,   registrierte   aber   etwas   wie   einen   monströsen   Kopf,   der sich   über   mich   beugte.   Ein   pestilenzartiger   Geruch   nahm   mir   schier   die   Luft,   und   meine Atemnot   wurde   nicht   dadurch   gemindert,   dass   dieses   Monster   auf   meine   Brust   drückte. »Aarghh«,   stöhnte   ich.   Das   Funkgerät   in   meiner   Tasche   knarzte   und   schwieg   wieder   still. Ich hätte es ohnehin nicht erreichen können, um Hilfe zu rufen. Das   Monster   hielt   inne,   als   stutzte   es.   Dann   stieß   es   lang   anhaltend   Luft   aus,   fast   wie   ein überraschtes   Pfeifen.   Aus   dem   Geräusch   schälten   sich   einzelne   Worte,   die   nicht   klangen, wie   von   einem   Menschen   gesprochen,   eher   zischend   und   gleichzeitig,   als   spräche   jemand mit schwerer Zunge. »Wiesho   lehpst   du?«,   stöhnte   es.   Es   fiel   mir   schwer,   darauf   eine   passende   Antwort   zu finden.   Die   Tatsache,   dass   sich   etwas   auf   mich   schmiss,   war   ja   noch   kein   Grund,   den Löffel abzugeben. »Wieso nicht?«, keuchte ich endlich. »Weihl ichch dichch anshehe!«, heulte das Monstrum. »Es   tut   mir   sehr   leid«,   stammelte   ich.   Dieses   Biest,   das   da   auf   mir   hockte,   konnte   kein Mensch   sein,   so   viel   war   auch   ohne   Augenschein   evident.   Aber   immerhin   konnte   es   sich artikulieren.   Und   es   war   nicht   nur   stärker   als   ich,   sondern   hatte   mich   im   Moment   in   seiner Gewalt.   Gleich   mehrere   gute   Gründe   verbindlich   zu   sein.   »Ich   kann   Sie   gar   nicht   richtig erkennen!   Wer   sind   Sie?«,   versuchte   ich,   das   plumpe   Du,   das   mein   Gegenüber   angeboten hatte,   zu   vermeiden.   »Ichch   phin   dhein   Thot!«,   kam   es   zurück.   Ich   kombinierte   fieberhaft. Es   schien   ganz   so,   als   sei   dieses   Monster   durch   den   Schacht   gekommen   und   habe   die Befestigung   der   Platte   gesprengt.   Es   musste   übernatürliche   Kräfte   besitzen.   Es   kam   tief unten   aus   der   Erde.   Es   war   riesig,   hatte   einen   schuppigen   Leib   und   Klauen,   und   es   war   ein Wesen,   das   sich   nicht   so   ohne   Weiteres   in   Brehms   Tierleben   einordnen   ließ,   zumal   es sprechen    konnte.    Der    letzte    Punkt    schloss    gleichzeitig    aus,    dass    es    sich    um    einen prähistorischen   Vertreter   irgendeiner   Dinosauriergattung   handelte.   Es   konnte   nur   –   »Sie sind   ein   Drache!«,   platzte   es   aus   mir   heraus.   Das   Monstrum   warf   den   Kopf   zurück   und stieß   ein   ohrenbetäubendes   heulendes   Geräusch   aus.   Ganz   offensichtlich   fühlte   es   sich von    mir    nicht    richtig    erkannt.    Oder    eben    doch?    Verzweifelt    durchwühlte    ich    mein Gedächtnis   nach   rudimentären   Märchenkenntnissen.   Rumpelstilzchen   hatte   auch   geheult, als   die   Müllerstochter   seinen   Namen   genannt   hatte.   Ja,   ganz   offensichtlich   fühlte   der Drache sich erkannt, und das behagte ihm nicht! »Nheinnheinnhein!«, zischelte er. »Was   sind   Sie   denn   dann?«,   fragte   ich   listig,   weil   ich   nicht   wusste,   was   er   anstellen würde,   wenn   uns   der   Gesprächsstoff   ausginge.   »Ein   Phashlhiskh!«,   schnauzte   der   Drache. Im   ersten   Moment   hätte   ich   trotz   meiner   misslichen   Lage   fast   laut   aufgelacht.   Ein   Basilisk! Da   kannte   ich   mich   zufällig   aus!   Schließlich   hatte   ich   Harry   Potter   gelesen!   »Ein   Basilisk, das ist doch das Fabeltier, das mit seinem Blick töten kann!«,   vergewisserte   ich   mich   dennoch   höflich.   »Ehhphhen!«,   heulte   er.   »Nun«,   sagte   ich mit   freundlicher   Geduld,   obwohl   sie   mir   in   dem   Maße   schwand,   wie   mir   klar   wurde,   dass mein   Gegenüber   wie   weiland   Nepomuk,   der   Halbdrache   aus   Jim   Knopf   und   die   Wilde   13, offensichtlich   auf   gefährlicher   machen   wollte,   als   er   wirklich   war,   »wenn   Sie   ein   Basilisk wären,   dann   wäre   ich   jetzt   tot.   Wie   Sie   eingangs   schon   ganz   richtig   bemerkten,   lebe   ich aber.   Ergo   handelt   es   sich   bei   Ihnen   um   einen   simplen   Drachen,   der   gerne   ein   Basilisk wäre.«   »Ichch   phin   ein   Phashilhiskh!«,   zischte   es   zurück.   Ich   hatte   keinen   Bock   mehr.   Ich lag   auf   dem   harten   Steinboden,   ein   Zentnergewicht   auf   mir,   das   bestialisch   stank,   dank der   Schweißbrille   sah   ich   so   gut   wie   nichts   –   die   Schweißbrille!   Wieder   kombinierte   ich messerscharf.   Sie   war   beschichtet!   Möglicherweise   schützte   sie   meine   Augen   ja   vor   dem tödlichen   Blick   dieses   Monsters,   falls   es   tatsächlich   ein   Basilisk   sein   sollte!   So   gern   ich   sie abgesetzt   hätte,   im   Moment   war   ich   heilfroh,   dass   ich   es   bis   dato   nicht   geschafft   hatte, weil   meine   Arme   fixiert   waren!   Sollte   ich   meine   Hände   wieder   frei   kriegen,   würde   ich   es nicht riskieren sie abzuziehen! Und noch etwas wurde mir klar: Dieser     Drache     hatte     einen     schwachen     Punkt,     den     ich     für     eine     psychologische Kriegsführung   nutzen   konnte:   er   wollte   partout,   dass   ich   ihn   für   einen   Basilisken   hielt. Wenn   ich   ihn   ärgern   wollte,   müsste   ich   nur   das   Gegenteil   behaupten.   »Wissen   Sie   was? Sie   sind   allenfalls   ein   Basilikumdrache,   der   noch   ein   bisschen   grün   hinter   den   Ohren   ist«, höhnte   ich   in   der   Hoffnung,   dass   er   ein   Einsehen   hätte   und   sich   trollte.   Aber   da   hatte   ich mich   schwer   verkalkuliert.   Er   drehte   erst   richtig   auf.   »Ichch   khannh   dichch   auchch   bei lhephenthikhem    Lheiphe    fresshen!«,    schrie    er    und    bäumte    sich    auf,    als    nähme    er Schwung, um sich quasi mit Anlauf über mich herzumachen. Im   gleichen   Moment   kam   meine   rechte   Hand   frei,   und   ich   riss   sie   schützend   vor   mein Gesicht,   ohne   daran   zu   denken,   dass   ich   immer   noch   den   Flammenwerfer   in   der   Hand hielt.    Mein    Drache    bekam    die    volle    Ladung    in    den    weit    aufgerissenen    Rachen    und verbrannte sich derartig die Schnauze, dass er seinen eigenen Schrei verschluckte. Er    schnellte    zurück    und    gab    mich    frei.    Blitzschnell    kam    ich    auf    die    Beine,    die Schweißflamme    wie    eine    Pistole    vor    mich    und    in    die    Richtung    haltend,    wo    ich    ihn vermutete.   An   seinem   Heulen   erkannte   ich,   dass   ich   ganz   richtig   lag.   Vielmehr   stand   ich jetzt,   und   zwar   auf   der   sicheren   Seite,   nämlich   hinter   dem   Flammenwerfer.   Er   wich   vor   mir zurück.   Mit   der   Linken   packte   ich   das   Wägelchen   mit   den   beiden   Gasflaschen   und   betete im   Stillen,   dass   sie   gut   gefüllt   seien,   um   mir   noch   eine   Weile   gute   Dienste   zu   leisten.   Ich trieb   das   Monster   vor   mir   her   bis   zu   dem   Raum,   wo   der   Förderkorb   stand.   Als   ich   ihn daran    vorbei    gescheucht    hatte,    suchte    ich    in    dem    Metallkäfig    Zuflucht,    zog    den Gasflaschenwagen hinter mir in den schützenden Korb, schlug die Tür   zu,   legte   den   Riegel   vor   und   den   Hebel   um,   so   dass   das   Gefährt   sich   ächzend   aufwärts zu   bewegen   begann.   Gerettet!   Da!   Ein   Schatten   flog   vorbei,   ein   Ruck,   der   Korb   schwankte bedenklich. Die Bestie war mit einem Satz auf das Gitter geschnellt. Aber   schon   erreichte   der   Korb   mitsamt   seiner   doppelten   Last   die   Deckenhöhe   und   tauchte in   den   Schacht   ein,   der   so   eng   war,   dass   es   für   den   Drachen   kein   Entrinnen   gab.   Er   konnte nicht   mehr   abspringen,   sondern   hockte   auf   dem   Drahtkäfig,   der   sich   unaufhaltsam   dem Tageslicht   entgegenbewegte.   Nein,   er   hockte   nicht,   er   führte   gewissermaßen   einen   Tanz auf    der    heißen    Herdplatte    auf,    weil    ich    mir    ein    Vergnügen    daraus    machte,    seinen Allerwertesten   von   unten   mit   meinem   Schweißbrenner   zu   bearbeiten!   Währenddessen klapperte   ich   mein   Hirnstübchen   nach   einem   Plan   ab,   wie   ich,   oben   angekommen,   auch wieder   den   Korb   würde   verlassen   können.   Ich   müsste   es   irgendwie   schaffen,   ihn   zurück   in den Schacht zu treiben, so dass er hoffentlich dort   unten   zerschellte.   Aber   was,   wenn   er   ausbrach   und   davonlief?   Herne   war   nicht   weit. Und   er   war   jetzt   ziemlich   scheiße   drauf.   Wenn   er   tatsächlich   ein   Basilisk   war,   würde   er   die ganze   Stadt   mit   seinem   Blick   flachlegen.   Mindestens   aber   war   davon   auszugehen,   dass   er den ein oder anderen Mitbürger verspeisen würde. Was   gab   es   bloß,   womit   man   einen   Basilisken   zur   Strecke   bringen   konnte?   Der   Sage   nach hausten   die   Biester   in   Brunnenschächten   und   Kellern.   Wer   sie   erblickte,   war   verloren,   es sei   denn   –   oh   ja!   Das   war   es!   Wir   hatten   die   Halle   erreicht,   von   der   aus   mit   dem Förderkorb   eingefahren   wurde.   Ein   Raum   mit   hohen   Glasfenstern,   rechts   ging   es   zu   den Waschräumen   und   einem   Bereich,   in   dem   noch   die   alten   Bergmannsspinde   standen.   Ich hörte,   wie   der   Drache   vom   Dach   des   Förderkorbs   sprang   und   durch   die   Halle   tobte.   Dann klirrte   und   schepperte   es   laut.   Er   musste   durch   das   Fenster   ins   Freie   gelangt   sein.   Da endlich riss ich mir die Schweißerbrille von den Augen und rannte zur   Umkleide,   zog   den   Spiegel   von   der   Wand   und   lief   weiter   zur   Tür.   Als   ich   sie   aufriss,   sah ich   einen   riesigen   langen   grünen   schuppigen   Körper   in   Richtung   der   Halde   Hoheward streben.   Ich   hielt   mir   den   Spiegel   vor   den   Kopf   und   schrie   aus   Leibeskräften:   »Guck   her, du   feiger   Basilikumdrache!«   Kurz   darauf   ertönte   ein   schrilles   Kreischen.   Er   musste   sich umgeguckt    haben    –    und    dann    war    Stille.    Eine    so    vollkommene    Stille,    dass    ich    es schließlich wagte, den Spiegel wieder wegzuziehen. Es    hatte    funktioniert!    Der    Sage    nach    hätte    ein    Basilisk    beim    Blick    in    sein    eigenes Spiegelbild   zu   Stein   erstarren   müssen.   Aber   dieser   hier   war   mit   der   Zeit   gegangen   und   zu Stahl   erstarrt!   Die   Herner   lieben   ihn.   Er   ist   ihre   Drachenbrücke.   Ich   lasse   sie   gerne   in   dem Glauben.   Sein   Tod   hat   ja   bewiesen,   dass   er   tatsächlich   ein   Basilisk   war.   Ich   bin   der   festen Überzeugung,   dass   er   zwar   zu   Stahl   erstarrt   ist,   aber   trotzdem   noch   mitkriegt,   was   mit ihm   passiert.   Daher   gönne   ich   ihm   von   Herzen,   dass   ihn   jeder   einen   Drachen   nennt.   Von mir   kriegt   er   außerdem   jedes   Jahr   eine   Extra-Ladung   Basilikum   zu   Füßen   gepflanzt.   Man sollte   die   Biester   allerdings   nicht   unterschätzen.   Daher   empfehle   ich   dringend:   Sollten   Sie mal   wieder   zu   tief   ins   Glas   und   anschließend   in   die   Toilettenschüssel   geguckt   haben   hängen Sie sich eine Schweißerbrille neben das Klo. Nur für den Fall der Fälle. Kurzinformationen zum Verlag: Der   Verlag   Nicole   Schmenk   wurde   im   Januar   2011   gegründet.   Neben   Büchern      für   Rock- und   Heavy-Metal-Fans   werden   ebenso   niveauvolle   Romane/   Novellen/Sachbücher   mit   dem Schwerpunkt   auf   Nordrhein-Westfalen,   Fantasy-Bücher   sowie   geschichtswissenschaftliche Werke  verlegt.   Ein   Schwerpunkt   bildet   der   Musikbereich:      Es   wurden   sowohl   Biographien   von   Heavy- Metal-Bands   (im   November   2012   z.B.   Subway   to   Sally)      als   auch   von   bekannten   Musikern (z.   B   George   Harrison)   publiziert.   Im   Herbst   folgt   beispielsweise   eine   Biographie   über   die frühen    Jahre    der    Grunge-Ikonen    Nirvana.    Ergänzt    wird    diese    Riehe    von    (populär-) wissenschaftlichen Studien zur Heavy-Metal-Kultur, Songtexten etc. Informationen zur Anthologie „Der Basilikumdrache“: Der   „Basilikumdrache“   aus   der   Reihe   „Edition   NRW“   entstammt   der   konzeptionellen   Idee von   Bartholomäus   Figatovski   ,   Literatur-   und   Sozialwissenschaftler   mit   Promotion   über Science-Fiction-Literatur   für   junge   Leser   an   der   Universität   Köln.      Die   Titelzeichnung entspringt   der   Feder   von   Michael   Hüter,   Karikaturist,   Cartoonist   und   Illustrator   zahlreicher Ruhrgebietsbücher.    Der    „Basilikumdrache“    wurde    auf    der    Gladbecker    Buchkultur    im September   2012   mit   dem   ersten   Preis   für   das   schönste   Cover   ausgezeichnet.   Zurzeit   läuft noch   bis   zum   16.   Juni   2013   eine   neue   Ausschreibung   für   die   Reihe   „Edition   NRW“   mit Kurzgeschichten   –   diesmal   zum   „Phantastischen   Köln“   (weitere   Informationen   dazu   sind auf der Verlagshompage abrufbar). Bartholomäus   Figatowski   (Hrsg.):   Der   Basilikumdrache.   Phantastische   Geschichten   aus dem Ruhrgebiet. 112 Seiten, gebundene Ausgabe, 12.90 €, ISBN: 978-3-9430220-63 Informationen zur Autorin: Regina   Schleheck,   geboren   1959   in   Wuppertal,   nach   Jugend   in   Köln   und   Studium   in Aachen   Familienplanung   mit   5   Kindern   abgeschlossen,   heute   in   Leverkusen   wohnhaft,   seit elf    Jahren    Oberstudienrätin    an    einem    Kölner    Berufskolleg,    freiberufliche    Referentin, Autorin    und    Herausgeberin,    vielfach    ausgezeichnet.    Veröffentlichungen    vor    allem    im Bereich Kurzprosa und Hörspiel.