RuhrGesichter

Denise zeigte uns die Drüggelter Kapelle

auf dem Hof Schulte-Drüggelte in der

Gemeinde Möhnesee. Sie ist eine kleine,

von außen unspektakuläre Hofkapelle,

wie sie in ländlichen Gegenden zuhauf

vorkommt.

Innen      jedoch   befinden   sich   in   zwei   Ringen   angeordnet   insgesamt 16   Säulen,   die   äußeren   12   Säulen   beschließen   nach   außen   den zwölfeckigen   Raum   durch   ein   Kreuzgewölbe   und   zu   den   inneren   4 Säulen   durch   ein   Tonnengewölbe.   Die   Kapelle   ist   eindeutig   ein   auf die   Mitte   hin   ausgerichteter   Zentralbau,   der   sich   von   den   in   der Gegend   üblichen   auf   einen   Altar   hin   ausgerichteten   Langhaus   - Kirchenbauten   abhebt.   Die   beiden   Anbauten   der   Vorhalle   und   der Apsis    sind    offenbar    ohne    Rücksicht    auf    die    Symmetrie    des Gebäudes   nachträglich   errichtet   worden.   Die   einzige   Möglichkeit eines   Blickes   quer   durch   den   Raum   an   den   Säulen   vorbei,   ist   eine astronomisch   zwar   interessante   Nordwest/Südost   Achse,   allerdings in keiner Weise auf den Altar ausgerichtet. Der     Leiter     der     Sternwarte     Recklinghausen,     Dr.     Steinrücken ermittelte   für   das   12.   Jahrhundert   eine   ungewöhnlich   genaue   (+/- 0,2°)     Nord-Süd     Ausrichtung     der     beiden     dick     ummauerten Stützsäulen   im   Innenring.   Durch   das   Nordwestfenster   war   exakt   der Sonnenuntergang     zur     Sommersonnenwende     zu     sehen,     im Südwestfenster   der   Monduntergang   zur   großen   Mondwende   jeweils nach 18,61 Jahren und im Nordostfenster der Mondaufgang. In    der    Nähe    der    Apsis    fanden    sich    Fragmente    einer    älteren Wandmalerei   und   eine   Holztruhe   aus   dem   Jahr   1172.   Ansonsten erscheint     der     Innenraum     abgesehen     von     den     romanischen Würfelkapitellen    der    Säulen    ohne    jegliche    eindeutig    christliche Ausschmückung    oder    Symbolik.    Auf    dem    steinernen    Altar    steht heute   ein   kleines   Holzkreuz.   Die   Erbauungszeit   der   Kapelle   und   die ursprüngliche   Verwendung   ist   bis   heute   umstritten,   auch   wenn   die heutige   Bausubstanz   wohl   romanischen   Ursprungs   und   damit   nicht weit   vor   das   Jahr   1000   zu   datieren   ist.   Ist   es   doch   möglich   und   an zahlreichen   Beispielen   anderorts   nachgewiesen,   dass   Sakralbauten nicht   nur   erweitert,   verändert   und   renoviert   wurden,   sondern   auch vollständig   neu   errichtet   wurden,   so   dauert   auch   die   Diskussion   um die      Entstehungsgeschichte      der      kleinen      Kapelle      an.      Der Architekturhistoriker    Wilhelm    Tappe    glaubte    in    der    Kapelle    ein Baptisterium   erkannt   zu   haben   und   vermutete,   dass   im   Zentrum   der Kapelle ein Taufstein gestanden haben könnte. Wilhelm    Giefers    erklärte    den    Sakralbau    1853    als    Nachbau    des Grabes   Christi   bzw.   der   Grabeskirche   und   datierte   die   Entstehung der   Kapelle   folgerichtig   in   die   Zeit   der   Kreuzzüge.   Diese   Deutung   als Heiliggrabkapelle,   die   im   12.   Jahrhundert   entstanden   ist,   hat   sich bis    heute    erhalten.    Eine    Theorie    erklärt    den    Bau    als    eine Heiliggrabkapellen    -    Stiftung    von    Graf    Heinrich    I.    von    Arnsberg (1145-1195)   als   Sühne   für   den   Mord   an   seinem   Bruder   Friedrich, den   er   aufgrund   von   Erbstreitigkeiten   im   Kerker   der   Burg   Arnsberg verhungern   ließ.   In   seine   Zeit   fiel   auch   die   Erbauung   der   hölzernen Truhe   von   1172.   Gustav   Dahlmann   sah   1922   in   der   Drüggelter Kapelle   jedoch   nicht   einen   Nachbau   des   Heiligen   Grabes,   sondern des    Felsendomes.    Pfingsten    1217    versammelten    sich    zahlreiche Adelige   um   Graf   Gottfried   II.   von   Arnsberg   in   Drüggelte,   um   einen Kaufvertrag    zu    bezeugen,    was    möglicherweise    auf    eine    alte Gerichts-   und   Thingstätte   hinweist,   auf   die   wir   später   im   Text   noch weiter    eingehen.    Danach    brach    die    illustre    Gesellschaft    von Drüggelte   aus      zum   Kreuzzug   auf,   wo   sie   bei   der   Belagerung   von Damiette   am   Nildelta,   ca.   200   Kilometer   nördlich   von   Kairo,   eine entscheidende   Rolle   spielte.   Kurz   danach   brach   Gottfried   II.   seine Beteiligung    am    Kreuzzug    ab    und    kehrte    heim.    Dieser    Umstand brachte   der   Drüggelter   Kapelle   eine   neue   Entstehungstheorie   als koptisches    Bauwerk,    da    Graf    Gottfied    II.    als    ohnehin    nicht „linientreuer“,   angeblich   der   „Ketzerei“   verdächtigter   und   ständig mit    dem    Erzbischof    von    Köln    im    Clinch    liegender    Katholik    zum koptischen   Christen   geworden   sein   soll.   Selbst   die   Aufhängung   für die   koptische   Messweinflasche   an   einer   der   Säulen   ist   in   Drüggelte zu   bestaunen.   Wenn   man   dieser   Theorie   folgt.   Ansonsten   ist   es   nur eine   nicht   weiter   definierte   würfelförmige   Erhebung   in   einer   der Säulen. Bis   ins   letzte   Jahrhundert   hinein   hielt   sich   die   Bezeichnung   der Drüggelter     Kappelle     als     „Heidentempel“     in     der     Bevölkerung. Oberbaudirektor      Friedrich      Schinkel      besuchte      1833      den „Heidentempel   zu   Drüggelte“   und   bezeichnete   ihn   als   eines   der ältesten   und   „merkwürdigsten   Werke   der   deutschen   Kulturanfänge.“ 1937    identifizierte    Werner    Müller    die    Kapelle    als    germanischen Tempel    zur    Sonnenlaufortung,    was    aufgrund    der    Anlage    und Ausrichtung   des   Baus   als   Verwendungszweck   zwar   möglich   ist,   die Datierung   der   Bausubstanz   allerdings   nicht   berücksichtigt.   Möglich ist   jedoch   eine   spätere   Überbauung   eines   germanischen   Tempels unter    Beibehaltung    einiger    Charakteristika    des    Vorgängerbaues (dieser      als      Kultstättenkontinuität      bezeichnete      Vorgang      ist andernorts   belegt).   Auch   Georg   Wagner   kam   in   seinen   Forschungen zu   dem   Ergebnis,   dass   sich   die   Kapelle   in   eine   Reihe   von   Stätten   der Kreuzverehrung   an   ehemals   heidnischen   Kultstätten   gesellte.   Dieter Kestermann   datierte   1988   die   Kapelle   aufgrund   der   später   nicht mehr   verbauten   Rundschlitzfenster   in   die   Mitte   des   8.   Jahrhunderts und vermutete einen heidnischen Sonnenkult. Den        Namen    Drüggelte    übersetzte    er    mit    „Thingbaum    der Gemeinschaft“   (Dru=Tree=Baum   und   Glete=Gilde=Gemeinde).      Der Historiker   und   Rektor   der   Universität   zu   Köln   Hermann   Stangefol berichtete   bereits   1656:   „Dort   im   sehr   alten   Tempel   (…)   gab   es einst   ein   Bildnis   der   Göttin   Trigla   (Trigla   Dea),   das   drei   Köpfe   hatte, zu   dem   sich   die   Heiden   in   höchsten   Nöten,   um   Beistand   flehend, gewöhnlich   flüchteten.“   Laut   Herlitzius   verweist   die   bei   Stangefol beschriebene   dreiköpfige   Göttin   „trigla   dea“   jedoch   nicht   auf   eine Göttin     namens     Trigla,     sondern     zunächst     einfach     auf     eine dreiköpfige,   heidnische   Göttin,   die   unter   verschiedenen   Namen   in ganz   Europa   verehrt   wurde   und   eng   mit   der   griechischen   Hekate verbunden     sei.     Er     vermutet     aufgrund     der     Ergebnisse     einer Georadaruntersuchung   der   dick   ummauerten   Innenpfeiler,   dass   sich in   den   Pfeilern   eine   Statue   verbergen   könnte.   Wurde   die   Figur   der „dreiköpfigen    Heidengöttin“    einfach    ummauert    und    so    vor    der voranschreitenden   Christianisierung   geschützt?   Oder   wurden,   wie andere   behaupten,   einfach   zwei   Säulen   des   inneren   Ringes   aus statischen Gründen nachträglich ummauert? Der   Chemieingenieur   und   Weltraumforscher   Heinz   Kaminski,   der auch   die   Sternwarte   Bochum   gründete,   definierte   in   der   Kapelle einen    radiästhetischen    Strahlungspunkt.    Wer    heute    die    Kapelle besucht,     hat     größere     Chancen     auf     einen     Rutengänger     und Geomanten   zu   stoßen,   als   auf   einen   christlichen   Gottesdienst.   Allen uns   bekannten   Publikationen   ist   gemeinsam,   dass   sie   im   Zentrum der   Kapelle   eine   Kreuzung   mehrerer   geomantischer   Kraftlinien   und Wasseradern   ausmachen.   Für   die   einen   ein   positives,   Lebensenergie spendendes   Energiezentrum   im   Mittelpunkt   der   Kapelle,   für   andere ein   bedrohlicher   drakonischer   Energievulkan;   denn   zuhause   stellt man    sein    Bett    ja    auch    nicht    auf    eine    Wasseraderkreuzung. Zumindest,    wenn    man    denn    an    die    Wirkkraft    von    Wasseradern glaubt. Gisela    Jacobi-Büsing    schließlich    deutete    1964    die    Kapelle    als Versammlungsort     der     Katharer     (Namensvorbild     des     Begriffes „Ketzer“)    und    vermutete,    dass    Graf    Gottfried    II    von    Arnsberg entweder   selbst   Katharer   oder   aber   zumindest   ein   Sympathisant   der Katharer   war.   Auf   ihrer   Arbeit   fußen   auch   Vermutungen,   dass   das Zentrum   der   Kapelle,   das   heute   durch   einen   kleinen   Glockenturm nach   oben   verschlossen   ist,   zu   Erbauungszeiten   zum   Himmel   hin offen   war,   da   die   Katharer   geschlossene   Kirchenbauten   mieden.   Die Theorie    der    nach    „oben    offenen“    Kapelle    gibt    es    aber    auch unabhängig     von     den     Katharer     -          Theorien     bei     einigen Heimatforschern,   auch   Berthold   Schäfer   und   Günter   Fleischer   gehen von   einer   offenen   Kapelle   oder   zumindest   einem   Lichtschacht   und einem   Turm   mit   Fenstern   aus.   Fleischer   führt   die   Kapelle   jedoch eher    auf    die    Templer    zurück    und    vergleicht    sie    mit    weiteren Templerbauten. Ruhrgesichter   traf   zufällig   eine   Vertreterin   der   Katharer   -   Theorie   in der    Kapelle,    die    uns    die    Abkehr    von    den    „vielen    Menschen“, symbolisiert   durch   einige   Gesichter   an   der   inneren   Westsäule,   die traditionell   im   Christentum   mit   dem   Teufel   und   dem   dreiköpfigen Baphomet   verbunden   wird,   hin   zum   Aufstieg   der   „Reinen“   zu   Gott, symbolisiert   durch   eine   Himmelsleiter   zum   Lamm   Gottes   an   der gegenüberliegenden   Ostsäule,   erklärte.   Eine   ältere   Dame   kam   auf uns   zu   und   widersprach   vehement:   Die   Säule   zeige   keine   Leiter, Sterne   und   Wolken,   sondern   eine   Schildkröte   und   die   Gesichter   auf der   gegenüberliegenden   Säule   stellten   nicht   Baphomet,   sondern den    dreigesichtigen    slawischen    Kriegsgott    Triglaw    dar,    dessen Statue   in   einer   der   dick   ummauerten   inneren   Säulen   vor   den   Augen der   Christianisierung   verborgen   wurde;   Stangefol   habe   diese   Figur versehentlich   als   weibliche   „Trigla   Dea“   beschrieben   es   sei   aber „Triglaw   Deus“.   Ihr   Begleiter   sah   weniger   eine   Schildkröte,   als   einen Kelch   in   der   Säule.   Die   aufgrund   dieser   vielfältigen   Deutungen   leicht verwirrten   Vertreter   der   Ruhrgesichter   versuchten   fortan,   ein   nicht allzu ratloses Ruhrgesicht zu machen. Was      wir      abseits      von      mehr      oder      minder      objektiven Forschungsarbeiten     jedoch     eindeutig     bei     unseren     Besuchen wahrgenommen    haben:    Die    Drüggelter    Kapelle    ist    definitiv    ein Kreuzungspunkt.   Wir   trafen   bei   unseren   verschiedenen   Besuchen hier   einen   älteren   Herrn,   der   einfach   mit   seinem   Fahrrad   angeradelt kam,   um   die   dicke   Nordsäule   zu   umarmen   und   als   wir   fragten, warum    er    dies    tue,    bekamen    wir    zur    Antwort:    Ich    habe    keine Ahnung,    aber    es    tut    mir    gut.        Wir    trafen    Musiker,    die    mit Maultrommeln,     Obertonflöten,     Harfe,     Djembe,     Handtrommel, Gitarre,   Mundharmonika,   Didgeridoo,   Kalimba,   Shrutibox,   Hapi   oder einfach   ihrer   Stimme   die   phantastische   Akustik   genossen.   Wir   sahen einen   jungen   Mann,   der   Maultrommel   spielte   während   eine   Dame dazu   im   Takt   den   Fußboden   wischte.   Wir   trafen   Meditierende   und Energiearbeiter,     schamanische     Reisende     auf     der     Durchreise, betende   Christen,   eine   fröhliche   Gruppe   Nonnen   und   jemanden,   der eine   Art   Zauberstab   weihen   wollte   und   von   einem   Geistlichen   mit den    Worten    hinaus    gebeten    wurde,    er    könne    ja    nach    dem anstehenden    Gottesdienst    wiederkommen    und    dann    „sein    Ding“ machen.   Wir   trafen   Menschen,   die   spontan   anfingen   zu   singen. Auch   mit   fremden   Menschen.   Die   sprachen.   Ja,   miteinander.   Oder auch nur zuhörten. Den Musikern. Oder der Stille. Was für ein wunderbarer Ort. Einige   Besucher   betraten   die   Kapelle   jedoch,   blickten   sich   um   und sahen,   dass   nirgendwo   Gold   glänzt,   dass   es   sich   nicht   um   einen großen,    prächtigen    Dom,    sondern    um    eine    kleine,    schmucklose Kapelle   handelt   und   verließen   den   Bau   innerhalb   weniger   Sekunden offenbar    schwer    enttäuscht.    Und    wir    sahen    Besucher,    die    laut polternd   die   Tür   öffneten,   sahen,   dass   zwei   junge   Menschen   leise Flöte   spielten,   woraufhin   die   Neuankömmlinge   die   Tür   offen   ließen und   sich   laut   polternd   darüber   unterhielten,   wo   sie   später   zu   Mittag essen wollen. Und da wussten wir: Ja, wir sind noch auf dieser Welt. Die    Kapelle    ist    tagsüber    in    der    Regel    geöffnet,    wenn    keine Veranstaltungen   anstehen.   Da   sie   als   christliches   Gotteshaus   dient, sollte       ein       angemessenes       Benehmen       für       jeden       Gast selbstverständlich sein. Führungen   sind   buchbar   bei   der   Touristik   GmbH   Möhnesee   oder beim   Pfarramt   der   St.   Pankratiuskirche   Körbecke.   Dann   allerdings wird     weniger     über     Erdstrahlen,     als     über     Heiliggrabkapellen gesprochen. Zu   Pfingsten   finden   auf   dem   Hof   Drüggelte   und   in   der   Kapelle   die „Kunststückchen“     statt,     „Westfalens     kleinstes     Festival“     mit Ausstellungen, Musik und Kleinkunst. Lohnenswert!
© Ruhrgesichter

Die Drüggelter Kapelle

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