RuhrGesichter

Der elektronische Fruchtsalat fällt dem

Sturm zum Opfer

Es   sollte   etwas   ganz   Besonderes   werden   und   das   aus   gutem   Grund, denn   ein   runder   Geburtstag   stand   an:   20   Jahre   Juicy   Beats   in Dortmund.   Besonders   wurde   es,   allerdings   für   viele   Gäste,   Künstler und natürlich den Veranstalter: Besonders frustrierend. Zum   ersten   Mal   in   der   20jährigen   Geschichte   des   Juicy   Beats   fand das     Festival     an     zwei     Tagen     statt     und     es     wurde     eine Campingmöglichkeit     auf     dem     Gelände     des     TSC     Eintracht geschaffen.   Einträchtiger   als   es   geplant   war   wäre   es   um   ein   Haar geworden,   als   die   ersten   Stürme   und   Starkregenfälle   das   Gelände   in der    Nacht    auf    Samstag    nur    touchierten,    nicht    aber    vollends heimsuchten:   Die   Turnhalle   des   Sportvereins   stand   jedoch   „für   alle Fälle“ offen und bereit. Dabei   hatte   der   Freitag   vielversprechend   angefangen:   15   000   der insgesamt    47    000    für    das    Wochenende    erwarteten    Besucher strömten   auf   das   Gelände   und   sorgten   wie   bereits   im   Vorjahr   für eine restlos ausverkaufte Veranstaltung. Beim   größten   Festival   für   alternative   Popmusik   in   NRW   sorgten neben   vielen   anderen   Acts   Fettes   Brot,   SDP,   Weekend,   Dub‘l   Trouble und    Alle    Farben    für    gute,    ausgelassene    Stimmung    unter    den Besuchern.   Die   Einlasssituation   führte   am   Freitag   allerdings   zu   sehr langen     Schlangen,     hier     gibt     es     beim     Schaffen     einer     den Menschenströmen   angemessenen   Zugangssituation   sicher   noch   Luft nach oben in der Planung. Es   war   alles   da,   was   das   Juicy   Beats   so   einzigartig   macht:   Eine absolut   entspannte   Atmosphäre,   vielseitige   Band-   und   DJ-Auswahl, ein   tolles,   gemischtes   Publikum   und   eine   gute   Organisation,   was angesichts    einer    solchen    Mammutveranstaltung    schon    die    ganz große    Kunst    ist,    immerhin    plant    man    ein    Event    mit    über    550 Künstlern,   Musikern   und   DJs   sowie   47000   Besuchern   auf   einem   70 Hektar   großen   Parkgelände   des   Westfalenparks   nicht   mal   eben   wie den   nächsten   Kindergeburtstag.   Allerdings   ist   es   sicherlich   auch ohne    dass    „etwas    Schlimmes“    passiert    für    Auskünfte    immer hilfreich,    wenn    die    sehr    freundlichen    Ordnungskräfte    a.)    einen Parkplan   mit   sich   führen,   b.)   diesen   auch   lesen   können,   c.)   eine Ahnung   haben,   an   welcher   Stelle   im   Park   sie   sich   befinden   und nicht   von   Besuchern   zu   ihrem   Ziel   gelotst   werden   müssen   (!).   Da dies    kein    Einzelfall    war,    bekommt    diese    konstruktive    Kritik    hier etwas Raum. Wie   jedes   Jahr   ganz   großartig   war   die   Kinderbetreuung,   das   kleine Zirkuszelt   mit   Hüpfburg   und   „Bastelstunde“.   Ebenfalls   für   das   Juicy Beats    eine    Selbstverständlichkeit,    bei    vielen    anderen    Festivals jedoch       Mangelware,       sind       die       zahlreichen       kostenfreien Trinkwasserstellen    für    die    Besucher,    die    nicht    ausschließlich    mit tiefgefrorenem   Lutschvodka   (mit   viel   Farbe   und   Zucker)   über   den Abend   kommen.   Ebenfalls   eine   so   starke   Idee,   dass   viele   andere Veranstalter    davon    lernen    können:    Die    Schließfächer    und    ein wirklich     reichhaltiges     Gastronomieangebot     auch     jenseits     der gefürchteten Pommes Currywurst. Bei   trockenem   Wetter   wurden   auf   der   Mainstage   nach   den   sichtlich in   Spiellaune   großartig   abliefernden   SDP   schließlich   vom   Headliner Fettes   Brot   ein   Hit   nach   dem   anderen   über   die   Festwiese   geblasen. Ein großartiger Auftritt! Die   abendliche   Silent   Disco   wurde   vorzeitig   abgebrochen,   da   eine massive     Schlechtwetterfront     aufzog.     Am     Samstag     dann     die schlechte   Nachricht:   Wie   viele   andere   Open   Air   Veranstaltungen   in NRW   wurde   auch   das   Juicy   Beats   abgesagt.   Das   ist   traurig   für   alle Fans   von   Fritz   Kalkbrenner,   Trailerpark,   Mighty   Oaks   und   vielen anderen;   die   bereits   auf   dem   Weg   aus   dem   In-   und   Ausland   waren oder   sich   bereits   auf   dem   Campingplatz   auf   einen   tollen   Festivaltag freuten;   denn   am   Vormittag   sah   das   Wetter   tatsächlich   noch   recht gut   aus.   Dennoch   hat   der   Veranstalter   hier   in   Absprache   mit   den Behörden    richtig    und    im    Sinne    der    Sicherheit    der    Besucher gehandelt,    denn    nicht    nur    5    Jahre    nach    der    Love    Parade    in Duisburg   sollte   „Augen   zu   und   durch,   wird   schon   gutgehen“   keine Handlungsoption mehr sein. Welche   Gefahr   von   Unwettern   bei   Festival   ausgeht   –auch   ganz   ohne Massenpanik   und   mit   funktionierenden   Sicherheitskonzepten-   hat man   in   Essen   Werden,   bei   der   Electric   Love   am   Salzburgring   oder auch   beim   Pukkelpop   in   Belgien   gesehen.   Noch   einmal   und   in   aller Deutlichkeit:    Respekt    an    den    Veranstalter.    Die    Reaktionen    der enttäuschten   Besucher   in   den   sozialen   Medien   waren   größtenteils sehr verständnisvoll. Einige    wenige,    aber    dafür    sehr    laute    Wortmeldungen,    meinten allerdings   dass   ab   3,0   Lampenpromille   das   bisschen   Wind   doch   egal sei   und   echte   Männer   im   Regen   tanzen,   dem   Sturm   trotzen   und man   ja   überall   sterben   könne,   warum   sich   also   nicht   gleich   von umherfliegenden   Bühnenteilen   oder   Ästen   erschlagen   lassen.   Umso deutlicher   wird,   dass   ein   Veranstalter   eine   große   Verantwortung trägt   und   auch   für   einige   (zu   ihrer   Verteidigung:   hoffentlich   noch sehr    junge)    Besucher    mitdenken    muss,    so    dass    diese    sich    an anderer Stelle um den Darwin Award bewerben können. Wir   freuen   uns   jedenfalls   über   kluge   Entscheidungen   und   haben schon jetzt Bock auf ein sonniges und sicheres Juicy Beats 21.
© Ruhrgesichter

Juicy Beats 2015

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