RuhrGesichter

„Ich bin hier eine unauffällige Drehscheibe für

die Gedanken und Geschichten des Stadtteils.“

Ullrich Tyrichter im Gespräch mit den Ruhrgesichtern

auf der Zeche Consolidation

Seit   1871   war   die   Zeche   Consolidation   einhundertzwanzig   Jahre   lang ein    Mittelpunkt    des    Lebens    und    Arbeitens    in    Gelsenkirchen.    Auf Consolidation   arbeiteten   in   der   Spitze   8184   Menschen   und   förderten bis   zu   3,1   Mio.   t   Kohle,   von   weither   kamen   sie   mit   ihren   Familien, um   hier   ihr   Glück   mit   der   Förderung   des   „Schwarzen   Goldes“   zu finden.
© Ruhrgesichter

Die Zeche Consolidation

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Das   Gleiche   traf   auf   die   anderen   Zechen   in   Gelsenkirchen   zu:   Nordstern,   Hugo,   Wilhelmine Victoria, Unser Fritz, Hibernia, Graf Bismarck und Pluto. 1996   wurde   der   Betrieb   auf   Consolidation   endgültig   eingestellt   und   man   begann   damit,   die Anlagen   über   Tage   abzureißen   und   die   Schächte   zu   verfüllen.   Auf   dem   Geländer   der   Zeche Consolidation   in   Gelsenkirchen   Bismarck   stand   das   mit   95   m   höchste   Fördergerüst   des Ruhrgebietes    (über    Schacht    3)    und    hier    befand    sich    auch    der    tiefste    Schacht    des Ruhrreviers    mit    1240    m    (Schacht    9).    Heute    erinnert    –    betreut    von    der    Stiftung Industriedenkmalpflege   und   Geschichtskultur   –   das   Fördergerüst   aus   Beton   von   1958   über Schacht   4,   das   Fördergerüst   von   Schacht   9,   die   dazugehörigen   Maschinenhäuser   und   der brutalstmöglich   halbierte   Rest   der   Hängebank   an   die   wohlhabenden   und   prosperierenden Zeiten der Region. Im   nördlichen   Maschinenhaus   befindet   sich   die   Sammlung   Werner   Thiel:   Eine   Ansammlung von   Werkzeugen,   Kleidung   und   anderen   Gegenständen   des   Bergbaus   rund   um   die   alte Fördermaschine.   Ein   besonderer   Ort   ohne   musealen   Charakter,   ohne   Erklärungen,   ohne Hinweisschilder:    Der    Besucher    ist    der    Geschichte    dieses    Ortes,    den    Artefakten    des Bergbaus und der Raumkonzeption direkt und unmittelbar ausgesetzt. An    diesem    bemerkenswerten    Ort    trafen    die    Ruhrgesichter        einen    „Hüter“    dieser einzigartigen Schatzkammer, den wir hier selbst zu Wort kommen lassen wollen: Ullrich   Tyrichter:   „Ich   bin   Ullrich   Tyrichter,   komme   hier   aus   Gelsenkirchen.   Wir   sind   hier gerade   in   der   Sammlung   Thiel   in   Gelsenkirchen   Bismarck,   Schacht   9   auf   dem   Consol Gelände.   Ich   bin   1970   hier   auf   Consolidation   als   Auszubildender   angefangen   und   seit   10 Jahren hier für die Sammlung tätig.“ RG:    „Wie    kommt    dieser    Ort    bei    den    Besuchern    an?    Kommen    auch    noch    ehemalige Bergleute, die in Erinnerungen schwelgen?“ Ullrich   Tyrichter:   „Die   Besucher,   die   zu   uns   kommen,   sind   sehr   begeistert;   denn   das   ist   hier schon   ein   ganz   spezieller   Ort.   Die   faszinierende   Sammlung   hier   ist   nun   seit   10   Jahren geöffnet.   Es   kommen   nach   wie   vor   auch   alte   Bergleute   her,   aber   auch   Kinder,   Jugendliche, Kulturinteressierte und natürlich auch Fotografen.“ RG:   „Auch   hier   auf   dem   Consol   Gelände   in   Gelsenkirchen   Bismarck   ist   der   Strukturwandel greifbar. Mit welchem Gefühl sehen Sie in die Zukunft der Region?“ Ullrich   Tyrichter:   „Die   Zukunft   des   Reviers   sehe   ich   eher   skeptisch.   Hier   in   Bismarck   zum Beispiel   ist   es   durch   die   vielen   Wohnsiedlungen   kaum   möglich,   viele   neue   Arbeitsplätze   zu schaffen.   Es   müsste   viel   abgerissen   werden,   um   neu   zu   bauen.   Das   gibt   aber   die   Struktur nicht   her.   Der   Tierpark   ZOOM   ist   natürlich   ein   Besuchermagnet   für   Gelsenkirchen,   aber eben     auch     kein     großer     Arbeitgeber.     Dazu     kommt     der     Wohnungsleerstand,     denn Gelsenkirchen   ist   ja   in   den   letzten   Jahren   von   390.000   Einwohnern   auf   260.000   Einwohner geschrumpft. Die Arbeitsplätze fehlen einfach.“ RG: „Haben Sie selbst auch schon einmal darüber nachgedacht, wegzuziehen?“ Ullrich Tyrichter: „Ich selbst ziehe nicht weg. Ich bin hier so verwurzelt in der Stadt.“ RG: „Haben Sie einen Lieblingsort im Ruhrgebiet?“ Ullrich   Tyrichter:   „Mein   Lieblingsort   im   Ruhrgebiet?   Consol   ist   schon   ein   Ort,   mit   dem   mich viel   verbindet.   Zur   Extraschicht   sind   wir   mal   Drehscheibe   gewesen,   da   waren   tausende Besucher   hier   und   die   Sammlung   hatte   dann   auch   die   Aufmerksamkeit,   die   sie   verdient. Das war stark.“ RG: „Was ist es, das diese Sammlung zu besonders macht?“ Ullrich   Tyrichter:   „Hier   in   der   Sammlung   sind   die   Exponate   aus   der   Bergbaugeschichte   ja nicht   erklärt,   sondern   der   Besucher   bringt   die   Geschichten   mit   hierher.   Besucher   kommen und   erzählen   was   und   die   Kinder   aus   der   Umgebung   kommen   immer   wieder   her   und wachsen mit der Sammlung auf.“ RG: „Sie selbst werden also auch fast wie ein Bestandteil der Sammlung wahrgenommen?“ Ullrich   Tyrichter:   „Ich   bin   da   hier   ein   bisschen   der   Fels   in   der   Brandung   und   gehe   dann   oft nach   Hause   und   denke:   Das   hat   einen   Sinn   gehabt   über   die   Jahre   hier   Ansprechpartner   zu sein.    Ich    kann    gut    die    Geschichten    aufnehmen,    auch    von    den    alten    Leuten,    die herkommen.    Hier    finden    immer    viele    Gespräche    statt,    ich    bin    hier    eine    unauffällige Drehscheibe   für   die   Gedanken   und   Geschichten   des   Stadtteils.   Geschichten   brauchen   immer einen   Ansprechpartner,   der   sie   aufnimmt.   Und   die   Leute   erzählen   ja   auch   gerne   ihre Geschichte.   Es   ist   schön,   wenn   Besucher,   die   selbst   als   Jugendliche   schon   hier   bei   mir waren,    dann    mit    ihren    eigenen    Kindern    wieder    herkommen.    Der    Mensch    aus    dem Ruhrgebiet   ist   ja   noch   herzlich   und   offen.   Wir   haben   durch   die   Bergbauvergangenheit   eben nach wie vor eine sehr spezielle Art.“ Weitergehende Informationen und Führungen:   Die   Kunstinstallation   Sammlung   Werner   Thiel   wird   vom   Kulturamt   der   Stadt   Gelsenkirchen betreut.   Besichtigungen   sind   samstags   und   sonntags   möglich   zwischen   12:00   und   18:00 Uhr. Weitergehende Informationen sind telefonisch erfragbar unter 0209 – 169 91 06. Die   industriehistorische   Führung   „Doppelbock   und   Dampfmaschine“   findet   jeden   2.   Und   4. Sonntag um 14:00 statt. An jedem 2. Sonntag gibt es ebenfalls um 14:00 Uhr eine Kinderführung mit „Kalle Consol“. Anmeldungen   für   beide   Führungen   sind   möglich   unter:   0231   –   93   11   22   33   bei   der   Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. Treffpunkt ist für beide Führungen jeweils am südlichen Maschinenhaus.