RuhrGesichter Es ist Mittwochnachmittag, das späte Licht am Kemnader See legt sich golden und erwartungsfroh auf das Festivalgelände und plötzlich steht er da im Veranstaltungszelt: Atze Schröder, der Ruhrpott‑Messias, mit sonnengebräuntem Teint, getönter Sonnenbrille und dem widerborstigen Minipli (das ist französisch und bedeutet „Sauerkraut“ ;)). Atze Schröder, (zumindest die Kunstfigur) ist geboren 1965 in Essen-Kray und eine der bekanntesten Comedyfiguren Deutschlands.

Atze Schröder live                                                             

Wenn der Lockenkopf zum Erlöser wird

Mitte   der   1990er   startete   er   live   auf   Kleinkunstbühnen,   bis   er   durch   Formate   wie den   Quatsch   Comedy   Club   und   die   RTL-Serie   „Alles   Atze!“   Anfang   der   2000er zum    Publikumsliebling    avancierte.    Er    moderierte    mehrfach    den    Deutschen Comedypreis   und   wurde   vielfach   dafür   ausgezeichnet   –   insgesamt   fünf   Mal. Neben   Bühnenprogrammen   veröffentlichte   er   Romane   („Und   dann   kam   Ute“, „Der   Turbo   von   Marrakesch“)   und   2022   seine   Autobiografie   „Blauäugig   –   Mein Leben   als   Atze   Schröder“.   Seit   2019   begeistert   er   zudem   mit   den   Podcasts „Zärtliche   Cousinen“   und   „Betreutes   Fühlen“.   Sein   Privatleben   und   seine   „wahre“ Identität   hält   er   konsequent   geheim.   Wer   sich   jedoch   ein   klein   wenig   als   Google- Sherlock   betätigt,   kann   das   Geheimnis   schnell   lüften:   Aber   warum   sollte   man   das wollen? Für   den   Ruhrpott   –   Comedian   ist   der   Abend   beim   Zeltfestival   nicht   nur   ein Auftritt,   sondern   eine   Rückkehr   aus   seiner   neuen   Wahlheimat   Hamburg   nach Hause:   Er   war   schon   vor   rund   30   Jahren   hier   mit   seiner   Band   „The   Proll“   auf einer   Bühne   am   Kemnader   See   zu   sehen,   lange   vor   dem   Festival   in   seiner heutigen   Form.   Der   perfekte   Ort   also,   um   den   Tourabschluss   seines   Programms „Der   Erlöser“   hier   am   See   zu   feiern   und   nicht   etwa   in   Augsburg;   wie   er   nicht müde    wird    zu    betonen.    Dass    es    in    Augsburg    nicht    nur    ein    intellektuell schwerfälliges   Publikum   gibt,   sondern   auch   unfassbar   viele   hässliche   Menschen, erfahren   wir   exklusiv   und   natürlich   ist   das   Bochumer   Publikum   die   Krone   von allem,    was    Publikum    sein    kann.    Uns    würde    interessieren,    was    Atze    bei Gastspielen in Augsburg zu diesem Thema erzählt…. Wie   auch   immer,   der   Erlöser   erlöst   die   Welt   auch   im   Sparkassen   –   Zelt   beim   ZfR, was    das    Zeug    hält.    In    einer    Zeit,    in    der    globale    Krisen    die    Nachrichten dominieren,   wächst   bei   vielen   Menschen   das   Bedürfnis   nach   Orientierung:   Und wer könnte das besser liefern als Atze Schröder? Der   Mann   mit   der   Lockenpracht   und   dem   Sonnenbrillen-Dauereinsatz   steht   nicht nur   für   Unterhaltung,   sondern   auch   für   eine   Art   seelisches   Reset:   Zwei   Stunden lang   nimmt   er   seinem   Publikum   die   Last   des   Alltags,   vergibt   augenzwinkernd jede   Schuld   –   und   lässt   mit   scharfem   Witz   vergessen,   was   draußen   gerade drückt.   Schon   zu   Beginn   seiner   Show   macht   er   klar,   dass   der   Titel   „Der   Erlöser“ nicht   religiös   zu   verstehen   sei.   Um   dann   natürlich   dennoch   mit   „Amen“   und „Lobet   den   Herrn“   zu   spielen.   Das   Publikum   überträgt   ihm   alle   Lasten:   Ablass und   Ablenkung   vom   harten   Alltag;   selten   haben   auch   wir   als   sündhafte   Kritiker einen   derart   praktischen   Doppelnutzen   genossen.   Atze   Schröders   Sprache   ist direkter,   schnoddriger   Ruhrpott-Ton,   nie   herablassend,   sondern   nahbar   und   auf die   Zwölf.   Er   selbst   sagte   in   einem   Interview   mit   t-online   im   Vorfeld   des   Auftritts: „Ich   versuche,   nicht   besonders   politisch   zu   sein.   Ich   finde   es   gut,   dass   die   Leute, die   jeden   Tag   damit   überschüttet   werden,   einfach   mal   zwei   Stunden   herzhaft lachen können.“ Die    Gags    sind    schnell    gezündet:    Atze    spielt    meisterhaft    mit    Klischees    des Erlösungsszenarios   –   und   zugleich   mit   Alltagspeinlichkeiten.   Zwischen   absurden Bildern   glänzt   sein   Erlöser-Service:   Er   entlastet   das   Publikum,   dieses   dankt   ihm seinen    selbstlosen    Dienst    mit    Lachkaskaden    und    Kopfschütteln    in    biblischer Eintracht.   Die   Atmosphäre   ist   intensiver   als   bei   vielen   Auftritten   von   Musikstars: Comedy erzeugt Gemeinschaft. Verschachtelte   Programmaufbauten   oder   komplexe   Spannungsbögen   sind   Atzes Sache   nicht,   seine   abgefeuerten   Pointen   zielen   immer   aufs   Bein:   Das   Nasenbein. Erlösung,   Sünde,   Buße   –   das   sind   die   wiederkehrenden   Motive   an   diesem   Abend. Immer   wieder   neue   Pointe,   aber   mit   Anspielungen   auf   vorherige   Witze   (und   auf Augsburg) – ein geschlossener, humoristischer Kosmos. Auch   die   Musik   bleibt   bei   Schröder   nicht   verschont   –   schließlich,   so   seine   These, könne   Erlösung   ja   durchaus   auch   in   Liedtexten   liegen.   Nur   eben   nicht   zwingend in    der    weichgezeichneten    Wohlfühlwelt    des    deutschen    Schlagers.    Mit    spitzer Zunge   und   viel   Sinn   für   Absurdität   nimmt   er   sich   die   Lyrics   von   Pur,   Revolverheld, Klaus   Lage,   Andrea   Berg   und   Roland   Kaiser   zur   Brust   –   und   seziert   dabei   so manche fragwürdige Zeile. Doch   Schröder   wäre   nicht   Schröder,   wenn   er   es   bei   bloßer   Analyse   beließe: Stattdessen   performt   er   ausgewählte   Passagen   im   martialischen   Rammstein-Stil   mit    donnerndem    Pathos    und    finsterer    Miene.    Atze    ätzt    mit    Blick    auf    seine Rammstein   –   Gedächtnis   „Row   Zero“   im   Zelt:   „Diese   Reihe   gibt’s   bei   Roland Kaiser auch – nur stehen da halt Rollatoren.“ Als    Atze    schließlich    die    Bühne    verlässt,    geht    nicht    er    nicht    nur    mit    dem Eintrittsgeld.   Sondern   er   hat   das   Publikum   derart   von   ihren   Lasten   erleichtert, dass   es   diese   nach   ausgedehntem   Applaus   nahezu   magisch   zum   Getränkestand zieht,   um   die   soeben   gewonnen   religiösen   Erkenntnisse   noch   einmal   im   Spiegel einer    Fiege-Pils    Flasche    zu    betrachten    und    mit    den    neuen    Brüdern    und Schwestern     zu     vertiefen.     Und     Atze?     Der     darf     nächstes     Jahr     gerne wiederkommen, darüber ist man sich in Bochum einig.