RuhrGesichter Nachdem er bereits als „Sasha“ seit den 1990er Jahren eine große Pop-Karriere vorweisen konnte, legte sich Sascha Röntgen-Schmitz, wie Sasha eigentlich heißt, Ende 2002 ein Alter Ego zu: Dick Brave, der vermeintliche Kanadier mit Pomade, Rockabilly-Tolle und Faible für Rockabilly und Rock’n’Roll war geboren.

Dick Brave is back                                                               

– und zwar „Back for Good“ -

Wenn    der    Rockabilly-Haudegen    nun    ausgerechnet    beim    Zeltfestival    Ruhr    am Kemnader    See    aufschlägt,    ist    das    mehr    als    ein    weiterer    Termin    im    dicht gedrängten   Tourkalender,   denn   der   Wahl-Hamburger   stammt   eigentlich   aus   dem beschaulichen    Soest,    das    man    mit    etwas    gutem    Willen    als    westfälische Nachbarschaft    zum    Ruhrpott    sehen    kann.    Es    ist    ein    Wiedersehen    mit    einer Region,   in   der   Sasha   seine   Karriere   begonnen   hat,   in   der   er   lange   vor   dem Popstar-Ruhm   auf   kleinen   und   mittleren   Bühnen   unterwegs   war   und   in   der   sein Alter   Ego   Dick   Brave   schon   vor   mehr   als   zwei   Jahrzehnten   für   volle   Häuser sorgte. Dass   Brave   beim   Zeltfestival   Ruhr   2026   nicht   nur   einmal,   sondern   gleich   dreimal auftreten   darf,   ist   insofern   eine   bemerkenswerte   Form   von   Heimvorteil.   Das   sagt zunächst   etwas   über   die   Nachfrage   aus   –   und   anschließend   ziemlich   viel   über   die Wirkung,   die   Dick   Brave   nach   mehr   als   einem   Jahrzehnt   Bühnenabstinenz   noch immer entfalten kann. Am    Kemnader    See    ist    das    ohnehin    eine    eigentümliche    Konstellation.    Das Zeltfestival   Ruhr   funktioniert   seit   Jahren   wie   ein   kleiner   temporärer   Kosmos: Konzert,   Kleinkunst,   Gastronomie,   Markt   und   Sommerurlaub   treffen   aufeinander, während   die   weiße   Zeltstadt   an   der   Stadtgrenze   zwischen   Bochum   und   Witten   für einige     Wochen     einen     Ort     schafft,     der     zugleich     Festivalgelände     und Naherholungsgebiet   ist.   Rund   130.000   Menschen   besuchen   das   Festival   über   die gesamte   Laufzeit   hinweg,   die   einzelnen   Konzerte   finden   je   nach   Veranstaltung   in unterschiedlichen   Zelten   statt.   Es   ist   kein   klassisches   Rockfestival,   bei   dem   sich das    Publikum    über    Tage    hinweg    auf    eine    bestimmte    musikalische    Ästhetik einschwört. Gerade   deshalb   passt   Dick   Brave   erstaunlich   gut   hierher.   Sein   Programm   ist schließlich   selbst   ein   Festival   im   Miniaturformat:   ein   bisschen   Rockabilly,   ein bisschen    Pop,    ein    bisschen    Nostalgie,    eine    Menge    Show    und    darüber    die augenzwinkernde    Behauptung,    dass    all    diese    Dinge    eigentlich    schon    immer zusammengehört haben. Wer   an   diesem   Abend   zum   Konzert   kommt,   weiß   deshalb   ziemlich   genau,   worauf er   sich   einlässt.   Dick   Brave   macht   keine   Musik,   die   ihre   Wirkung   erst   nach mehreren   konzentrierten   Hördurchläufen   entfaltet.   Sein   Prinzip   ist   unmittelbarer. Ein   bekannter   Song   wird   aus   seiner   ursprünglichen   Umgebung   herausgerissen,   in einen   Rock'n'Roll-Kokon   gesteckt   und   anschließend   mit   einem   breiten   Grinsen wieder   ins   Publikum   geschleudert.   Das   hat   Anfang   der   2000er   schon   funktioniert. Die   eigentliche   Überraschung   besteht   nun   darin,   dass   es   2026   noch   genauso   gut funktioniert   –   vielleicht   sogar   besser,   weil   inzwischen   eine   zusätzliche   Schicht Nostalgie   hinzugekommen   ist.   Denn   Dick   Brave   ist   längst   nicht   mehr   nur   die Kunstfigur   aus   einer   Zeit,   in   der   Sasha   mit   "If   You   Believe"   und   "I   Feel   Lonely" den    deutschen    Pop    dominierte.    Dick    Brave    ist    inzwischen    selbst    ein    Stück Popgeschichte. Das   Konzept   entstand   ursprünglich   aus   einem   Spaß   heraus   und   entwickelte   sich zu   einem   eigenständigen   Erfolgsprojekt.   2003   landete   das   Album   "Dick   This!"   an der   Spitze   der   deutschen   Charts.   Nach   der   langen   Pause   hätte   dieses   Konzept allerdings   auch   scheitern   können.   Nostalgie   ist   ein   gefährliches   Geschäft.   Was   vor 20   Jahren   als   cleverer   musikalischer   Spaß   funktionierte,   kann   irgendwann   wie   ein Museumsstück aussehen. Doch    Dick    Brave    umschifft    die    Klippen    der    Peinlichkeit    überraschenderweise ausgerechnet   mit   "Back   for   Good".   Der   Take-That-Song,   der   im   Original   als melancholische   Boygroup-Ballade   funktioniert,   wird   zum   Türöffner   für   eine   Show, die   ihre   eigene   Rückkehr   zum   Thema   macht.   Spätestens   mit   "Get   the   Party Started"   ist   die   Richtung   vorgegeben.   Pink   hatte   den   Song   als   selbstbewusste Pop-   und   Dancefloor-Nummer   veröffentlicht;   Dick   Brave   macht   daraus   einen Rock'n'Roll-Befehl. Die   aktuelle   Setlist   führt   danach   mit   "Take   On   Me",   "Be   the   One"   und   "Shake   It Off"   gleich   mehrere   Stücke   auf,   bei   denen   das   Prinzip   besonders   deutlich   wird:   a- ha,   Dua   Lipa   und   Taylor   Swift   begegnen   Elvis,   Jerry   Lee   Lewis   und   der   Ästhetik des    klassischen    Rockabilly.    Dass    diese    Kombination    nicht    wie    ein    schlechter Scherz   klingt,   ist   auch   der   Band   zu   verdanken.   Und   hier   liegt   eine   der   Stärken dieses   Konzerts,   die   in   der   öffentlichen   Wahrnehmung   des   Dick-Brave-Projekts leicht   unterschätzt   wird.   Der   Maestro   mag   den   größten   Teil   der   Aufmerksamkeit bekommen,   aber   ohne   eine   präzise   und   virtuos   arbeitende   Band   würde   der   ganze Abend   sehr   schnell   zur   Karikatur   verkommen.   Das   ist   entscheidend,   denn   Dick Brave lebt von der Spannung zwischen Parodie und Ernsthaftigkeit. "Take    On    Me"    ist    dafür    ein    gutes    Beispiel.    Der    a-ha-Hit    ist    derart    fest    im kollektiven   Gedächtnis   verankert,   dass   man   ihn   kaum   noch   als   Lied   hört,   sondern als   kulturelles   Erinnerungsobjekt.   Dick   Brave   nimmt   ihn   auseinander   und   baut   ihn als   Rock'n'Roll-Nummer   wieder   zusammen.   Das   Ergebnis   ist   nicht   zwangsläufig "besser"   als   das   Original   –   dieser   Vergleich   wäre   ohnehin   unsinnig   –,   aber   es   ist unmittelbar.   Dasselbe   gilt   für   "Shake   It   Off".   Taylor   Swifts   Lied   wird   nicht   einfach nachgespielt, sondern bekommt eine neue Körperlichkeit. Gerade    bei    "Be    the    One"    von    Dua    Lipa    zeigt    sich,    wie    weit    das    Konzept inzwischen   reicht.   Ein   moderner   Popsong   wird   nicht   deshalb   in   den   Rockabilly-Stil gezwungen,   weil   Dick   Brave   keine   andere   musikalische   Idee   hätte.   Vielmehr entsteht   aus   dem   Kontrast   der   eigentliche   Witz.   Die   Songs   sind   bekannt   genug, dass   das   Publikum   die   Veränderung   sofort   erkennt.   Man   hört   also   gleichzeitig   das Original   und   dessen   Dick-Brave-Version.   Das   ist   ein   musikalischer   Trick,   aber einer,   der   live   besonders   gut   funktioniert.   Dick   Brave   ist   keine   Elvis-Tribute-Show. Das   wäre   zu   einfach   und   wahrscheinlich   auch   zu   langweilig.   Er   benutzt   die 1950er als ästhetisches Werkzeug, nicht als historische Verpflichtung. Die   entscheidende   Frage   an   diesem   Abend   beim   ZfR   lautet   daher   nicht,   ob   Dick Brave   etwas   Neues   erfunden   hat.   Das   hat   er   nicht.   Die   Frage   lautet,   ob   er   die alte   Idee   so   überzeugend   zurückbringt,   dass   sie   nicht   wie   ein   nostalgischer Pflichttermin   wirkt.   Und   die   Antwort   fällt   am   Kemnader   See   ziemlich   eindeutig aus: ja. Und das mit Bravour.