RuhrGesichter Das „Feuerwerk der Turnkunst“ gastierte auch in diesem Jahr in Dortmund und präsentierte in der Westfalenhalle vor rund 6000 Fans das neueste Programm „VIVA“.

Kritik: Feuerwerk der Turnkunst                                                                    

Das neue Programm „VIVA“

Ursprünglich   1988   aus   einem   niedersächsischen   Turnfest   entstanden,   tourt   die Produktion   mittlerweile   mit   ihren   Arena-Inszenierungen   deutschlandweit   durch die   großen   Hallen.   Dafür   wird   sowohl   technisch   als   auch   personell   das   ganz große      Besteck      aufgefahren;      dennoch      finden      neben      spektakulären Bühneneffekten,    neben    Olympia-Stars    und    hochkarätigen    Akrobatik-Showacts auch   die   turnerischen   Regionalgruppen   der   jeweiligen   Auftrittsorte   nach   wie   vor ihren    Platz    in    der    Show:    Begonnen        wurde        der        VIVA-Reigen        in        der      Westfalenhalle    Dortmund    daher    mit    den    großen    und    kleinen    Sportlern    der regionalen    Ballettgruppen    Fleurs    und    Filous    aus    Witten,    der    Turnerschaft Schwerte   und   dem   Turnzentrum   Bochum-Witten,   denen   angesichts   des   großen Publikums   vermutlich   teils   das   Herz   bis   in   den   Hals   schlug.   Das   Gezeigte   war turnerisch    gelungen,    stark    choreografiert,    dynamisch,    harmonisch,    kraftvoll: Großartig! Das   Publikum   in   Dortmund   war   ein   bunter   Mix   aller   Altersklassen:   Die   zahlreichen Sportler   unter   den   Zuschauern   waren   oft   nicht   nur   (ganz   im   Kontrast   zu   unserem Redakteur   vor   Ort…)   an   der   durchtrainierten   Statur   zu   erahnen,   sondern   vor allem   die   zahlreichen   Gelenkbandagen   waren   hier   verräterisch.   Da   sage   nochmal einer, Sport sei gesund… Für   die   „VIVA“   –   Tournee   verpflichtete   Neu-Geschäftsführer   Dominik   Riebling   zwei der   bedeutsamsten   deutschen   Turner   des   letzten   Jahrzehnts:   Lukas   Dauser   und Andreas    Toba.    Dauser,    der    amtierende    Weltmeister,    zeigte    eine    spektakuläre Flugshow     am     Reck,     bei     der     die     Grenzen     zwischen     Sport     und     Kunst verschwammen.    Toba,    der    Vize-Europameister,    präsentierte    nicht    nur    seine atemberaubenden   Fähigkeiten   am   Reck,   sondern   auch   seine   bemerkenswerte Darbietung   am   Pauschenpferd,   dem   Gerät,   das   ihm   internationale   Berühmtheit brachte. Beide Turner beeindruckten durch Kraft, Eleganz und Präzision. „VIVA“,   das   war   weit   mehr   als   nur   eine   Sammlung   von   Akrobatik   und   Turnkunst. Geboten   wurde   eine   vielschichtige   Darbietung,   die   Akrobatik,   Tanz   und   Musik   zu einer   außergewöhnlichen   Symbiose   vereinte   und   dabei   die   Grenzen   zwischen   den Disziplinen   verschwimmen   ließ:   Ein   farbenfrohes   Fest   der   Sinne.   Dazu   wirbelte das   „Feuerwerk   der   Turnkunst   Showteam“   mit   einer   maßgeschneiderten   Choreo durch   die   Halle.   Durch   viel   Nebel,   ausgesprochen   gutes   Lichtdesign,   der   Show auf   den   Leib   komponierte   und   durch   eine   gute   Showband   gespielte   Live-Musik wurden   die   Bewegungskünstler   perfekt   in   Szene   gesetzt.   An   dieser   Stelle   ein großes   Lob   an   die   Regie   und   die   Choreografie   der   Gesamtshow,   die   zu   keinem Zeitpunkt   zu   einer   Aneinanderkettung   guter   Einzelnummern   verkam,   sondern stets   einen   atmosphärisch   homogenen   Erzählfluss   beibehielt,   der   das   Publikum   in den     Bann     zog.     Einzig     der     abrupte     Übergang     zur     Pause     war     etwas gewöhnungsbedürftig. Der   Auftritt   vom   Duo   Two   on   the   Rope,   bestehend   aus   den   beiden   Artisten   Iurii und   Maksim,   war   eine   fesselnde   Performance   am   Vertikalseil   und   eine   gelungene Mischung   aus   atemberaubender   Präzision   und   Bewegung   gewordener   Emotion. Als   Kontrast   zu   der   intensiven   Akrobatik   trat   Rosemie   auf   die   Bühne.   Sie,   die bereits    2012    als    Publikumsliebling    auf    der    Tournee    des    „Feuerwerks    der Turnkunst“   glänzte,   bezauberte   mit   ihrem   humorvollen   Charme,   Jodelkünsten, Alphornblaserei,    Gesang    und    wilden    Umarmungen.    Auch    wenn    die    diversen Umbaupausen   auf   diese   Art   unterhaltsam   überbrückt   wurden,   war   es   manchmal einen Hauch zu viel der Zwischenspiele.  Das   Duo   in   Motion   brachte   eine   Energie   in   die   Westfalenhalle,   die   das   Publikum von   der   ersten   Sekunde   an   mitriss.   Kira,   die   ihre   Karriere   als   Teil   des   Showteams des   „Feuerwerks   der   Turnkunst“   begann,   und   Michi,   der   Breakdance-Weltmeister, präsentierten eine umwerfende Crossover – Nummer. Alexey   Glavatski   besitzt   die   Fähigkeit,   das   clever   zum   LED-Lichtrad   mutierte   Cyr Wheel   in   ein   Instrument   der   Magie   zu   verwandeln.   Doch   Glavatski   beschränkte sich   nicht   nur   auf   das   Cyr   Wheel;   auch   am   Schlappseil   zeigte   er   eine   Darbietung voller   Balance   und   Geschicklichkeit.   Glavatski   zeigte   einmal   mehr,   dass   Turnen und   Akrobatik   nicht   nur   von   Kraft,   sondern   auch   von   Ausdruck   und   Ästhetik leben. Die     dänische     Gruppe     MOTUS,     die     mit     zwei     gekreuzten     Teeterboards (Schleuderbrettern)   die   Zuschauer   begeisterten,   zeigten   ihre   Meisterschaft   in   der Luft   und   wurden   beim   Cirque   de   Demain   in   Paris   zu   Recht   mit   der   Goldmedaille ausgezeichnet.   Das   persönliche   Highlight   unseres   Ruhrgesichter   –   Redakteurs   vor Ort. Die   Spezialität   von   Tim   Höfel   ist   BMX-Flatland.   Mit   Präzision   und   Kreativität steuerte   er   einen   sehenswerten,   weiteren   Mosaikstein   zum   bunten   Turnkunst   Treiben   bei.   Die   Gruppe   Haribow   aus   Japan   beeindruckte   mit   Double-Dutch- Action,   die   Energie   der   Bühne   sprang   sofort   auf   die   Zuschauer   über.   Anastasiia Tsibulska    rundete    die    Show    mit    einer    Darbietung    aus    der    Rhythmischen Sportgymnastik   ab,   die   durch   ihre   Eleganz   und   Präzision   bestach.   Mit   einer atemberaubenden    Leichtigkeit    führte    sie    ihre    Bewegungen    aus    und    verband sportliche    Höchstleistung    mit    künstlerischer    Anmut.    Ihre    Darbietung    war    ein faszinierendes   Meisterwerk,   das   den   körperlichen   ästhetischen   Ausdruck   mit   der Schönheit des Tanzes vereinte. Das    Duo    Soulmates    aus    der    Ukraine    überzeugte    mit    einer    gefühlvollen Darbietung    am    Flying    Pole    voller    Harmonie    und    Ausdruckskraft.    Die    China National   Acrobatic   Troupe   schließlich   boten   einen   wilden   Mix   aus   Kunstradfahren und klassischer Akrobatik und aktivierten die gesamte Halle mit ihrer Dynamik. Fazit:   „VIVA“,   das   war   ein   knapp   zweieinhalbstündiges   Feuerwerk   der   Kreativität, das   Turnkunst,   Akrobatik   und   Tanz   auf   höchstem   Niveau   miteinander   vereinte. Was    die    Show    von    anderen    Turnkunst-Events    oder    einem    Akrobatik-Zirkus unterscheidet,   ist   die   Art   und   Weise,   wie   sie   die   Grenzen   zwischen   den   Genres verwischt.   Hier   geht   es   nicht   nur   um   sportliche   Spitzenleistungen,   sondern   auch um   die   kreative   Verschmelzung   von   Kunstformen.   Diese   Verbindung   von   Sport, Zirkus,   Theater   und   Tanz   funktionierte   auch   bei   der   Show   in   der   Westfalenhalle und   überzeugte   Publikum   und   sogar   unseren   Ruhrgesichter-Kritiker   (trotz   seines Sportunterricht-Bodenturn-Traumas…).   Wer   die   Gelegenheit   hat,   das   großartige Feuerwerk   der   Turnkunst   mit   einem   Bühnen-   oder   Arenaprogramm   zu   sehen, sollte sich diese Chance nicht entgehen lassen.