Kritik: JUDITH
– und das Wunder der Schöpfung
Vor
der
Veranstaltung
drängelte
sich
das
Publikum
wie
in
der
Westfalenhalle
üblich
im
Umlauf
und
ließ
den
einen
oder
anderen
Taler
für
das
seit
Jahrzehnten
für
eine
solche
Location
unangemessene
Gastronomiekonzept
springen.
Da
jedoch
niemand
die
Westfalenhallen
ob
der
kulinarischen
Verführungen
besucht,
wenden wir uns lieber dem künstlerischen Werk zu.
Das
Musical
erzählt
die
Geschichte
der
jungen
Judith,
die
in
einer
Welt
im
Umbruch
ihren
Platz
sucht:
Zwischen
Familienkonflikten,
Social
Media
–
Fake
News,
Polizeigewalt
und
Aktivismus,
ihrer
Beziehung
zu
Ammo,
einem
jungen
äthiopischen
Studenten,
der
als
Symbol
für
Hoffnung,
aber
auch
für
die
Problematik
globaler
Ungleichheiten
steht,
einer
drohenden
Klimakatastrophe
und
der
Frage,
wie
individuelles
Handeln
mit
kollektiver
Verantwortung
in
Einklang
gebracht
werden
kann.
Dieser
Grundkonflikt
–
zwischen
Verzweiflung
und
Hoffnung,
zwischen
konservativen
Weltbildern
und
emanzipatorischer
Selbstbestimmung
–
durchzieht
das
Werk
wie
ein
roter
Faden.
Ausgangspunkt
ist
die
Suche
nach
Orientierung
in
einer
Zeit,
die
von
Spaltung
und
Zweifeln
geprägt
ist;
Endpunkt
ist
die
zarte,
aber
beharrliche
Botschaft,
dass
echte
Veränderung
nur gemeinschaftlich erkämpft werden kann.
Angesichts
dieser
Themensetzung
könnten
Kritiker
und
Fans
gleichermaßen
anmerken:
Typischer
Kirchentagsstoff.
Es
wird
in
der
Geschichte
um
Judith
kaum
etwas
ausgelassen,
was
derzeit
nicht
als
gesellschaftliche
Hauptthemen
der
Zeit
aus
allen
politischen,
medialen
und
aktivistischen
Kanälen
auf
die
Bewohner
des
Landes
einprasselt
und
sehr
unterschiedlich
rezipiert
wird
zwischen
begeisterter
Zustimmung,
distanzierter
Gleichgültigkeit
und
leidenschaftlicher
Ablehnung.
In
Zeiten,
in
denen
am
Schauspielhaus
Bochum
vor
wenigen
Tagen
fast
ein
Schauspieler
von
der
Bühne
geprügelt
und
mit
Obst
beworfen
wurde,
weil
einigen
Zuschauen
sein
Text
nicht
passte,
konnte
man
sich
bei
„Judith
–
und
das
Wunder
der
Schöpfung“
jedoch
sicher
sein:
Weder
das
Thema
noch
die
moderate
dramaturgische,
textliche
oder
musikalische
Umsetzung
und
erst
recht
nicht
das
Publikum
gaben
Anlass
zur
Befürchtung,
dass
unser
Reporter
vor
Ort
Zeuge
eines
neuerlichen Theater-Skandals werden könnte.
Diese
Hinweise
auf
die
moderate
Umsetzung
eines
gesellschaftskritischen
Kirchentagsthemen-Allerleis
könnten
auch
als
vernichtende
Kritik
gelesen
werden,
doch
das
sind
sie
nicht:
Denn
dem
Werk
gelingt
der
inszenatorische
Spagat
zwischen
Chor
-
Bombast
und
der
glaubwürdigen
Darstellung
einer
zerrissenen
(Innen-
und
Außen-)
Welt
der
Protagonistin.
Was
Kevin
Schroeder,
Michael
Herberger,
Laura
Diederich,
Ilja
Krut
und
Johannes
Pinter
hier
geschaffen
haben,
ist
zielgruppengerecht
auf
die
Zwölf
und
konnte
auch
unseren
-sich
selbst
nicht
zur
Zielgruppe
zählenden-
und
zum
Nörgeln
neigenden
Kritiker
überzeugen.
Dies
lag
auch
am
bei
derartigen
Großproduktionen
nicht
selbstverständlichen,
vielschichtigen
und
nuancenreichen
Spiel
der
Protagonisten
(allen
voran
Alida
Will als Judith, Oliver Edward als Ammo und Frank Logemann als Großvater.)
Die
Inszenierung
nahm
den
Zuschauer
von
der
ersten
Minute
an
ernst
und
nicht
nur
akustisch,
sondern
auch
dramaturgisch
mit:
Auf
einer
minimalitisch-
funktionalen
Bühne,
die
durch
modernste
Technik
und
eine
riesige
Videowand
in
Szene
gesetzt
wurde,
entfaltete
sich
ein
vielschichtiges
Tableau
von
Bildern,
Klängen
und
emotionalen
Momenten.
Die
Videowand
wirkte
dabei
nie
als
bloßer
Hintergrund,
sondern
fungierte
als
integraler
Bestandteil
des
Narrativs.
Die
Kombination
aus
stimmungsvollen
Visuals,
lebendiger
Chorenergie
und
starkem
Bühnenspiel schuf eine dichte, fast schon filmische Atmosphäre.
Musikalisch
ist
„Judith“
ein
Hybrid
aus
Rock-Pop,
einer
Prise
Rap
und
klassischen
Musical
Passagen
–
eine
Mischung,
die,
wenn
sie
funktioniert,
Generationen
verbinden
und
verschiedene
musikalische
Welten
zusammenführen
kann.
Überhaupt
ist
die
Musik
zwischen
beflügeltem
Emporschwingen,
wütendem
Skandieren
und
in
sich
gekehrtem
„in
die
Seelentiefe
tauchen“
eine
der
größten
Stärken
dieses
Musicals.
Die
Kompositionen
verbinden
teils
bekannte
hymnische
Melodiebögen
mit
Ohrwurmcharakter
mit
stillen,
intimen
Momenten.
Die
Arrangements
sind
dicht,
aber
selten
überladen.
Gerade
in
Momenten,
in
denen
der
Chor
das
Feld
beherrschte,
wurde
eine
enorme
emotionale
Tiefe
erreicht,
die
nicht
nur
zum
Zuhören,
sondern
zum
Mitfühlen
einlud.
Gerade
diese
Wechsel
zwischen
Intimität
und
Monumentalität
(das
war
eine
Wand
von
einem
Chor:
Chapeau
an
alle
Mitwirkenden,
die
sichtlich
Spaß
an
diesem
Auftritt
hatten!)
gaben
der
Aufführung
eine
emotionale
Dynamik,
die
einem
konventionellen
Musical oft abgeht.
Über
die
Live-Musik
hinaus
wäre
eine
kritische
Würdigung
jedoch
unvollständig
ohne
die
Betrachtung
der
Handlung
und
Figurenzeichnung.
Die
Besetzung
der
Rolle
der
Judith
erwies
sich
als
Glücksgriff:
Alida
Will
vereint
stimmliche
Brillanz
mit
einer
intensiven
Bühnenpräsenz.
Ihr
Gesang
und
Spiel
sind
nicht
überzogen,
sondern
vielschichtig.
Sie
ist
in
der
Lage
raumgreifend
eine
Großbühne
„einzunehmen“,
aber
gleichsam
auch
zurückgenommene
„Kammerspiel-
Momente“
zu
erzeugen,
deren
Wirkung
auch
in
der
riesigen
Westfalenhalle
bis
in
die letzten Zuschauerreihen spürbar ist. Stark!
Die
Figur
der
Judith
selbst
ist
ein
entsprechend
vielschichtiger
Charakter,
der
zwischen
Idealismus
und
pragmatischem
Zweifel
agiert.
Am
stärksten
wirkt
der
Konflikt,
wenn
Judith
erkennt,
dass
ihre
Entscheidungen
Konsequenzen
entfalten,
die
über
sie
hinausgehen.
Diese
Auseinandersetzung
zwischen
individueller
Moral
und
gesellschaftlicher
Verantwortung
ist
einer
der
spannendsten
dramaturgischen
Kernpunkte des Stücks.
Auch
Oliver
Edward
als
Ammo
überzeugt
uneingeschränkt;
auch
wenn
die
Figur
des
Ammo
-beabsichtigt-
etwas
zu
„heilig“,
„nicht
von
dieser
Welt“
und
perfekt
gezeichnet
wurde,
während
alle
anderen
Bühnenbewohner
alle
Arten
von
menschlichen
Fehlern
haben
dürfen.
Dies
ist
jedoch
Oliver
Edward
nicht
anzulasten.
„Judith
–
und
das
Wunder
der
Schöpfung“
ist
eine
monumentale
Inszenierung,
und
doch
bleibt
sie
zu
jedem
Zeitpunkt
berührend
und
menschlich.
Diese
Schein-
Paradoxie
ist
die
größte
Stärke
von
„Judith“:
Trotz
der
enormen
Masse
an
Mitwirkenden
verliert
das
Werk
nie
den
Blick
für
den
persönlichen
Moment.
Die
einzelnen
Figuren
sind
keine
bloßen
Statisten
im
Chorgewirr,
sondern
bewegen
sich
durch
eine
Geschichte,
die
immer
wieder
auf
die
Frage
zurückkommt:
Was
bedeutet
es,
Verantwortung
zu
übernehmen,
wenn
die
Welt
aus
den
Fugen
zu
geraten scheint?
In
den
letzten
Jahrzehnten
hat
die
das
Musical
veranstaltende
Stiftung
Creative
Kirche
aus
Witten
sich
bereits
mit
vergleichbaren
Großprojekten
einen
Namen
gemacht.
Genau
diese
Tradition
setzt
„Judith“
fort.
Dass
dieses
Projekt
getragen
wird
von
ökumenischen
Partnern
wie
der
Evangelischen
Kirche
in
Deutschland,
dem
Erzbistum
Paderborn
und
weiteren
gesellschaftlichen
Initiativen,
unterstreicht
den
Anspruch,
den
das
Werk
selbst
stellt:
Es
will
nicht
nur
ein
Musical sein, sondern ein religiöses Kulturereignis mit gesellschaftlicher Relevanz.
Natürlich
bleibt
nicht
alles
ohne
kritische
Nuance:
Gerade
an
der
Schnittstelle
von
Anspruch
und
Umsetzung
droht
ein
Werk,
das
so
deutlich
auf
Botschaft
setzt,
gelegentlich
in
didaktische
Passagen
zu
verfallen:
Szenen,
die
Konflikte
zwischen
konservativen
und
progressiven
Weltbildern
thematisieren,
laufen
manchmal
Gefahr,
zu
plakativen
Gegenüberstellungen
zu
verflachen.
Meist
gelang
es
jedoch,
diese
Falle
-oft
mit
feinem,
wohldosierten
Humor-
zu
umschiffen.
Auch
das
Spannungsfeld
zwischen
leidenschaftlichem
Eintreten
für
die
eigenen
Überzeugungen
und
der
Erkenntnis,
dass
auch
auf
der
„anderen
Seite“
Menschen
stehen,
die
von
Zukunftsangst
angetrieben
werden
und
für
eine
aus
ihrer
Sicht
gute
Sache
eintreten,
wurde
in
der
Inszenierung
erfrischend
offengehalten:
„Ich
habe
auf
allen
Seiten
Menschen,
die
mir
wichtig
sind.
Kämpft
ihr
noch
um
das,
woran
ihr
glaubt
oder
nur
noch
gegen
die,
die
es
anders
sehen?“
(Judith)
Am
Ende
des
Abends,
nachdem
der
letzte
Akkord
verklungen
war,
blieb
der
Eindruck
eines
Werkes,
das
seinen
eigenen
Anspruch
ernst
nimmt:
Eine
Reflexion
über
die
Herausforderungen
unserer
Zeit,
verknüpft
mit
dem
zutiefst
menschlichen
Versuch,
Hoffnung
zu
erzeugen,
wo
Zweifel
und
Unsicherheit
dominieren.
Das
Publikum
gönnte
den
Mitwirkenden
begeisterte
Standing
Ovations,
der
riesige
Chor
leistete
nicht
nur
Großes,
sondern
hatte
ganz
offensichtlich
auch
großen
Spaß,
Band
und
Orchester
konnten
zufrieden
ob
ihres
sicheren
musikalischen
Rückhaltes
für
das
Bühnengeschehen
den
Beifall
genießen: Genau so muss eine gelungene Uraufführung enden.
So
entstand
großes
Musiktheater;
das
nach
den
Aufführungen
in
Dortmund
im
nächsten Jahr auf große Tournee gehen wird.
Organisatorisch
war
die
Leistung
hinter
diesem
Abend
ohnehin
enorm.
Die
Koordination
von
tausenden
Mitwirkenden,
die
technische
Umsetzung
in
einer
Halle
dieser
Größe,
die
Abstimmung
zwischen
professionellen
Solisten
und
Laienchören
–
all
das
funktionierte
bei
der
Uraufführung
in
Dortmund
herausragend.
Man
spürte
die
Erfahrung
der
Stiftung
Creative
Kirche
im
Umgang
mit Großprojekten.
Fazit:
„Judith
–
und
das
Wunder
der
Schöpfung“
ist
ein
Erlebnis,
das
seine
Kraft
nicht
nur
aus
der
schieren
Größe
des
Chors
und
der
bombastischen
Produktion,
sondern
aus
seiner
Botschaft
und
der
Authentizität
ihrer
Vermittlung
schöpft
–
und
damit
ein
besonderes
Kapitel
im
zeitgenössischen
Musiktheater
aufschlägt
und die Messlatte für künftige, vergleichbare Produktionen sehr hoch legt.