RuhrGesichter Die Westfalenhalle Dortmund verwandelte sich zur Uraufführung von „Judith – und das Wunder der Schöpfung“ in einen Klangraum, der mehr sein wollte als ein gewöhnlicher Musical-Abend. Das Publikum begegnete einem Werk, das sich auch als kultureller Spiegel und religiös-gesellschaftlicher Appell verstand. Dieses ambitionierte Projekt, das mit rund 3.000 Mitwirkenden aus ganz Nordrhein-Westfalen aufwartete, setzte Maßstäbe für das zeitgenössische Musiktheater im Kontext von Gemeinschaftsprojekten.

Kritik: JUDITH                                                                   

– und das Wunder der Schöpfung

Vor   der   Veranstaltung   drängelte   sich   das   Publikum   wie   in   der   Westfalenhalle üblich   im   Umlauf   und   ließ   den   einen   oder   anderen   Taler   für   das   seit   Jahrzehnten für    eine    solche    Location    unangemessene    Gastronomiekonzept    springen.    Da jedoch   niemand   die   Westfalenhallen   ob   der   kulinarischen   Verführungen   besucht, wenden wir uns lieber dem künstlerischen Werk zu. Das   Musical   erzählt   die   Geschichte   der   jungen   Judith,   die   in   einer   Welt   im Umbruch   ihren   Platz   sucht:   Zwischen   Familienkonflikten,   Social   Media   –   Fake News,   Polizeigewalt   und   Aktivismus,   ihrer   Beziehung   zu   Ammo,   einem   jungen äthiopischen    Studenten,    der    als    Symbol    für    Hoffnung,    aber    auch    für    die Problematik    globaler    Ungleichheiten    steht,    einer    drohenden    Klimakatastrophe und    der    Frage,    wie    individuelles    Handeln    mit    kollektiver    Verantwortung    in Einklang   gebracht   werden   kann.   Dieser   Grundkonflikt   –   zwischen   Verzweiflung und    Hoffnung,    zwischen    konservativen    Weltbildern    und    emanzipatorischer Selbstbestimmung   –   durchzieht   das   Werk   wie   ein   roter   Faden.   Ausgangspunkt   ist die   Suche   nach   Orientierung   in   einer   Zeit,   die   von   Spaltung   und   Zweifeln   geprägt ist;   Endpunkt   ist   die   zarte,   aber   beharrliche   Botschaft,   dass   echte   Veränderung nur gemeinschaftlich erkämpft werden kann. Angesichts    dieser    Themensetzung    könnten    Kritiker    und    Fans    gleichermaßen anmerken:   Typischer   Kirchentagsstoff.   Es   wird   in   der   Geschichte   um   Judith   kaum etwas   ausgelassen,   was   derzeit   nicht   als   gesellschaftliche   Hauptthemen   der   Zeit aus   allen   politischen,   medialen   und   aktivistischen   Kanälen   auf   die   Bewohner   des Landes   einprasselt   und   sehr   unterschiedlich   rezipiert   wird   zwischen   begeisterter Zustimmung,   distanzierter   Gleichgültigkeit   und   leidenschaftlicher   Ablehnung.   In Zeiten,    in    denen    am    Schauspielhaus    Bochum    vor    wenigen    Tagen    fast    ein Schauspieler    von    der    Bühne    geprügelt    und    mit    Obst    beworfen    wurde,    weil einigen   Zuschauen   sein   Text   nicht   passte,   konnte   man   sich   bei   „Judith   –   und   das Wunder   der   Schöpfung“   jedoch   sicher   sein:   Weder   das   Thema   noch   die   moderate dramaturgische,      textliche   oder   musikalische   Umsetzung   und   erst   recht   nicht   das Publikum   gaben   Anlass   zur   Befürchtung,   dass   unser   Reporter   vor   Ort   Zeuge   eines neuerlichen Theater-Skandals werden könnte. Diese    Hinweise    auf    die    moderate    Umsetzung    eines    gesellschaftskritischen Kirchentagsthemen-Allerleis     könnten     auch     als     vernichtende     Kritik     gelesen werden,   doch   das   sind   sie   nicht:   Denn   dem   Werk   gelingt   der   inszenatorische Spagat    zwischen    Chor    -    Bombast    und    der    glaubwürdigen    Darstellung    einer zerrissenen   (Innen-   und   Außen-)   Welt   der   Protagonistin.      Was   Kevin   Schroeder, Michael   Herberger,   Laura   Diederich,   Ilja   Krut   und   Johannes   Pinter   hier   geschaffen haben,   ist   zielgruppengerecht   auf   die   Zwölf   und   konnte   auch   unseren   -sich   selbst nicht   zur   Zielgruppe   zählenden-   und   zum   Nörgeln   neigenden   Kritiker   überzeugen. Dies   lag   auch   am   bei   derartigen   Großproduktionen   nicht   selbstverständlichen, vielschichtigen   und   nuancenreichen   Spiel   der   Protagonisten   (allen   voran   Alida Will als Judith, Oliver Edward als Ammo und Frank Logemann als Großvater.) Die   Inszenierung   nahm   den   Zuschauer   von   der   ersten   Minute   an   ernst   und   nicht nur    akustisch,    sondern    auch    dramaturgisch    mit:    Auf    einer    minimalitisch- funktionalen   Bühne,   die   durch   modernste   Technik   und   eine   riesige   Videowand   in Szene   gesetzt   wurde,   entfaltete   sich   ein   vielschichtiges   Tableau   von   Bildern, Klängen   und   emotionalen   Momenten.   Die   Videowand   wirkte   dabei   nie   als   bloßer Hintergrund,    sondern    fungierte    als    integraler    Bestandteil    des    Narrativs.    Die Kombination   aus   stimmungsvollen   Visuals,   lebendiger   Chorenergie   und   starkem Bühnenspiel schuf eine dichte, fast schon filmische Atmosphäre. Musikalisch   ist   „Judith“   ein   Hybrid   aus   Rock-Pop,   einer   Prise   Rap   und   klassischen Musical   Passagen   –   eine   Mischung,   die,   wenn   sie   funktioniert,   Generationen verbinden     und     verschiedene     musikalische     Welten     zusammenführen     kann. Überhaupt    ist    die    Musik    zwischen    beflügeltem    Emporschwingen,    wütendem Skandieren   und   in   sich   gekehrtem   „in   die   Seelentiefe   tauchen“   eine   der   größten Stärken   dieses   Musicals.   Die   Kompositionen   verbinden   teils   bekannte   hymnische Melodiebögen    mit    Ohrwurmcharakter    mit    stillen,    intimen    Momenten.    Die Arrangements   sind   dicht,   aber   selten   überladen.   Gerade   in   Momenten,   in   denen der   Chor   das   Feld   beherrschte,   wurde   eine   enorme   emotionale   Tiefe   erreicht,   die nicht   nur   zum   Zuhören,   sondern   zum   Mitfühlen   einlud.   Gerade   diese   Wechsel zwischen   Intimität   und   Monumentalität   (das   war   eine   Wand   von   einem   Chor: Chapeau   an   alle   Mitwirkenden,   die   sichtlich   Spaß   an   diesem   Auftritt   hatten!) gaben    der    Aufführung    eine    emotionale    Dynamik,    die    einem    konventionellen Musical oft abgeht. Über   die   Live-Musik   hinaus   wäre   eine   kritische   Würdigung   jedoch   unvollständig ohne   die   Betrachtung   der   Handlung   und   Figurenzeichnung.   Die   Besetzung   der Rolle   der   Judith   erwies   sich   als   Glücksgriff:   Alida   Will   vereint   stimmliche   Brillanz mit   einer   intensiven   Bühnenpräsenz.   Ihr   Gesang   und   Spiel   sind   nicht   überzogen, sondern    vielschichtig.    Sie    ist    in    der    Lage    raumgreifend    eine    Großbühne „einzunehmen“,     aber     gleichsam     auch     zurückgenommene     „Kammerspiel- Momente“   zu   erzeugen,   deren   Wirkung   auch   in   der   riesigen   Westfalenhalle   bis   in die letzten Zuschauerreihen spürbar ist. Stark! Die   Figur   der   Judith   selbst   ist   ein   entsprechend   vielschichtiger   Charakter,   der zwischen   Idealismus   und   pragmatischem   Zweifel   agiert.   Am   stärksten   wirkt   der Konflikt,   wenn   Judith   erkennt,   dass   ihre   Entscheidungen   Konsequenzen   entfalten, die   über   sie   hinausgehen.   Diese   Auseinandersetzung   zwischen   individueller   Moral und   gesellschaftlicher   Verantwortung   ist   einer   der   spannendsten   dramaturgischen Kernpunkte des Stücks. Auch   Oliver   Edward   als   Ammo   überzeugt   uneingeschränkt;   auch   wenn   die   Figur des   Ammo   -beabsichtigt-   etwas   zu   „heilig“,   „nicht   von   dieser   Welt“   und   perfekt gezeichnet    wurde,    während    alle    anderen    Bühnenbewohner    alle    Arten    von menschlichen    Fehlern    haben    dürfen.    Dies    ist    jedoch    Oliver    Edward    nicht anzulasten. „Judith   –   und   das   Wunder   der   Schöpfung“   ist   eine   monumentale   Inszenierung, und   doch   bleibt   sie   zu   jedem   Zeitpunkt   berührend   und   menschlich.   Diese   Schein- Paradoxie    ist    die    größte    Stärke    von    „Judith“:    Trotz    der    enormen    Masse    an Mitwirkenden   verliert   das   Werk   nie   den   Blick   für   den   persönlichen   Moment.   Die einzelnen   Figuren   sind   keine   bloßen   Statisten   im   Chorgewirr,   sondern   bewegen sich   durch   eine   Geschichte,   die   immer   wieder   auf   die   Frage   zurückkommt:   Was bedeutet   es,   Verantwortung   zu   übernehmen,   wenn   die   Welt   aus   den   Fugen   zu geraten scheint? In   den   letzten   Jahrzehnten   hat   die   das   Musical   veranstaltende   Stiftung   Creative Kirche   aus   Witten   sich   bereits   mit   vergleichbaren   Großprojekten   einen   Namen gemacht.   Genau   diese   Tradition   setzt   „Judith“   fort.   Dass   dieses   Projekt   getragen wird   von   ökumenischen   Partnern   wie   der   Evangelischen   Kirche   in   Deutschland, dem     Erzbistum     Paderborn     und     weiteren     gesellschaftlichen     Initiativen, unterstreicht   den   Anspruch,   den   das   Werk   selbst   stellt:   Es   will   nicht   nur   ein Musical sein, sondern ein religiöses Kulturereignis mit gesellschaftlicher Relevanz. Natürlich   bleibt   nicht   alles   ohne   kritische   Nuance:   Gerade   an   der   Schnittstelle   von Anspruch   und   Umsetzung   droht   ein   Werk,   das   so   deutlich   auf   Botschaft   setzt, gelegentlich   in   didaktische   Passagen   zu   verfallen:   Szenen,   die   Konflikte   zwischen konservativen    und    progressiven    Weltbildern    thematisieren,    laufen    manchmal Gefahr,   zu   plakativen   Gegenüberstellungen   zu   verflachen.   Meist   gelang   es   jedoch, diese    Falle    -oft    mit    feinem,    wohldosierten    Humor-    zu    umschiffen.    Auch    das Spannungsfeld      zwischen      leidenschaftlichem      Eintreten      für      die      eigenen Überzeugungen   und   der   Erkenntnis,   dass   auch   auf   der   „anderen   Seite“   Menschen stehen,   die   von   Zukunftsangst   angetrieben   werden   und   für   eine   aus   ihrer   Sicht gute   Sache   eintreten,   wurde   in   der   Inszenierung   erfrischend   offengehalten:   „Ich habe   auf   allen   Seiten   Menschen,   die   mir   wichtig   sind.   Kämpft   ihr   noch um    das,    woran    ihr    glaubt    oder    nur    noch    gegen    die,    die    es    anders sehen?“  (Judith) Am   Ende   des   Abends,   nachdem   der   letzte   Akkord   verklungen   war,   blieb   der Eindruck   eines   Werkes,   das   seinen   eigenen   Anspruch   ernst   nimmt:   Eine   Reflexion über     die     Herausforderungen     unserer     Zeit,     verknüpft     mit     dem     zutiefst menschlichen    Versuch,    Hoffnung    zu    erzeugen,    wo    Zweifel    und    Unsicherheit dominieren.    Das    Publikum    gönnte    den    Mitwirkenden    begeisterte    Standing Ovations,    der    riesige    Chor    leistete    nicht    nur    Großes,    sondern    hatte    ganz offensichtlich   auch   großen   Spaß,   Band   und   Orchester   konnten   zufrieden   ob   ihres sicheren    musikalischen    Rückhaltes    für    das    Bühnengeschehen    den    Beifall genießen: Genau so muss eine gelungene Uraufführung enden. So   entstand   großes   Musiktheater;   das   nach   den   Aufführungen   in   Dortmund   im nächsten Jahr auf große Tournee gehen wird. Organisatorisch    war    die    Leistung    hinter    diesem    Abend    ohnehin    enorm.    Die Koordination   von   tausenden   Mitwirkenden,   die   technische   Umsetzung   in   einer Halle    dieser    Größe,    die    Abstimmung    zwischen    professionellen    Solisten    und Laienchören    –    all    das    funktionierte    bei    der    Uraufführung    in    Dortmund herausragend.   Man   spürte   die   Erfahrung   der   Stiftung   Creative   Kirche   im   Umgang mit Großprojekten. Fazit:   „Judith   –   und   das   Wunder   der   Schöpfung“   ist   ein   Erlebnis,   das   seine   Kraft nicht   nur   aus   der   schieren   Größe   des   Chors   und   der   bombastischen   Produktion, sondern   aus   seiner   Botschaft   und   der   Authentizität   ihrer   Vermittlung   schöpft   und   damit   ein   besonderes   Kapitel   im   zeitgenössischen   Musiktheater   aufschlägt und die Messlatte für künftige, vergleichbare Produktionen sehr hoch legt.