RuhrGesichter Wer den Gasometer Oberhausen kennt, weiß, dass hier Ausstellungen selten einfach nur „gezeigt“ werden – sie werden immersiv inszeniert und nutzen die gigantischen Möglichkeiten der Räume in diesem monumentalen Bau. Das Industriedenkmal, einst Europas größter Scheibengasbehälter, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der eindrucksvollsten Ausstellungsorte Europas entwickelt. Seine schiere Höhe von über 100 Metern, die rohe Stahlarchitektur und die ungeheuren Dimensionen im Inneren schaffen eine Bühne, die kaum ein klassisches Museum bieten kann.

Kritik: „Mythos Wald“                                                                  

Die neue Ausstellung im Gasometer Oberhausen

Nach   dem   überwältigenden   Erfolg   der   Ausstellung   Planet   Ozean,   die   mit   rund   1,5 Millionen   Besucherinnen   und   Besuchern   längst   in   die   Liga   der   erfolgreichsten Ausstellungen   weltweit   aufgestiegen   ist,   stand   das   Haus   vor   der   Herausforderung aller   Erfolgreichen:   Wie   lässt   sich   das   Erreichte   übertreffen?      Die   Antwort   darauf trägt   den   Titel   „Mythos   Wald“   –   und   schon   beim   Betreten   des   Gasometers   wird klar, dass man hier einen Perspektivwechsel wagt. Während   „Das   zerbrechliche   Paradies“    die   Erde   thematisierte   und   „Planet Ozean“    den   Blick   in   die   Tiefe   lenkte,   öffnet   „Mythos   Wald“    als   Abschluss   der Trilogie   den   Raum   auch   nach   oben   –   in   die   Baumkronen,   in   das   Licht,   in   die vertikale   Dimension   eines   Ökosystems,   das   ebenso   geheimnisvoll   wie   existenziell ist. Empfangen    wird    der    Besucher    von    einem    Exponat,    das    die    Tonalität    des gesamten   Rundgangs   vorgibt:   ein   gewaltiges   Riesenhirschskelett,   dessen   fast drei   Meter   breites   Geweih   sich   wie   eine   Krone   über   den   Raum   spannt.   Dieses Tier,   das   vor   rund   7.000   Jahren   durch   die   Wälder   streifte,   wirkt   hier   nicht   wie   ein museales   Objekt,   sondern   wie   ein   stiller   Wächter   an   der   Schwelle   zwischen Vergangenheit   und   Gegenwart.   Dass   es   zuvor   über   ein   Jahrhundert   im   Museum Koenig   in   Bonn   ausgestellt   war   und   eigens   für   diese   Schau   aufwendig   zerlegt, transportiert   und   wieder   zusammengesetzt   wurde,   unterstreicht   den   Anspruch, mit   dem   diese   Ausstellung   arbeitet:   nichts   weniger   als   eine   Inszenierung   des Waldes als kulturelles, biologisches und emotionales Gesamterlebnis. Es    entfaltet    sich    dann    eine    Dramaturgie,    die    den    Besucher    meist    über herausragende,   großformatige   Fotografien   und   ergänzende   Exponate   langsam   in die    unterschiedlichen    Facetten    des    Waldes    hineinzieht.    Anders    als    viele naturkundliche    Ausstellungen    verzichtet    „Mythos    Wald“    auf    eine    allzu    starre stringente   didaktische   Struktur.   Stattdessen   arbeitet   sie   mit   einem   Mosaik   an   gut aufnehmbaren     Informationen,     mit     Stimmungen,     Perspektivwechseln     und sinnlichen   Erfahrungen.   Ein   eindrucksvolles   Beispiel   dafür   ist   der   sogenannte Klangraum   „Global   Sunrise“.   Hier   folgt   man   dem   Sonnenaufgang   rund   um   den Globus   –   vom   Müritz-Nationalpark   über   Belize   bis   in   die   Zedernwälder   Japans. Die   akustische   Gestaltung,   entwickelt   von   Chris   Watson   und   Tony   Myatt,   ist   von einer   Intensität,   die   körperlich   spürbar   wird,   Besucher   befinden   sich   (fast)   mitten im Erwachen der Wälder. Visuell   wird   dieser   Raum   durch   eine   ebenso   sorgfältig   gestaltete   Installation ergänzt,   die   zeigt,   wie   sehr   hier   Klang   und   Bild   als   Einheit   gedacht   sind.   Es   ist   ein Moment des Innehaltens innerhalb der Ausstellung. „Mythos   Wald“   ist   nicht   nur   eine   ästhetische   Erfahrung,   sondern   auch   eine   klare, wissenschaftlich        fundierte        Auseinandersetzung        mit        den        globalen Waldökosystemen,   die   fast   ein   Drittel   der   Landfläche   unseres   Planeten   bedecken. Die    Ausstellung    führt    durch    unterschiedliche    Regionen    der    Erde    –    vom Amazonasgebiet   bis   nach   Europa   –   und   zeigt   die   immense   Vielfalt   der   Flora   und Fauna.   Gleichzeitig   wird   deutlich,   wie   fragil   diese   Systeme   sind.   Themen   wie Brandrodung,    industrielle    Landwirtschaft    und    der    Verlust    von    Lebensräumen werden in ihrer Dramatik offen dargestellt. Besonders   gelungen   ist   dabei   die   Einbindung   von   Datenvisualisierungen,   unter anderem   durch   das   Environmental   Systems   Research   Institute   Esri,   die   komplexe Zusammenhänge         verständlich         machen.         In         dem         kompakten „Waldbeobachtungslabor“    greifen    GIS-Technologie    und    künstliche    Intelligenz ineinander   und   Besucher   können   mithilfe   zweier   Touchpads   interaktiv   den   Wald erforschen. Es   ist   diese   Balance   zwischen   Emotionalität   und   Information,   die   „Mythos   Wald“ so    stark    macht.    Der    bei    „Das    zerbrechliche    Paradies“    gelegentlich    etwas unangenehm    penetrant    schuldig    sprechende    grüne    Zeigefinger    fehlt    hier erfreulicherweise;   ohne   aber   auf   das   zurecht   mahnende   Element   zu   verzichten. Der   unbestrittene   Höhepunkt   der   Ausstellung   befindet   sich   jedoch   im   Luftraum des   Gasometers   –   dort,   wo   schon   bei   „Planet   Ozean“   die   spektakuläre   Installation „Die Welle“ die Besucher in Staunen versetzte. Diesmal    ist    es    die    Lichtinstallation    „Der    Baum“.    Der    Besucher    blickt    in    ein abstraktes    Wurzelwerk,    während    sich    darüber    eine    rund    35    Meter    hohe, leuchtende     Baumkrone     in     den     Raum     erhebt.     Die     Projektionen,     die Lichtbewegungen,   die   räumliche   Tiefe   –   all   das   erzeugt   ein   Gefühl,   als   würde man   Teil   eines   lebendigen   Organismus   werden.   Pandora   und   „Der   Baum   der Seelen“   lassen   grüßen   (aus   dem   Film   Avatar,   Service   Hinweis   für   die   Leser,   die wir soeben abgehängt haben. Anm. d. Red.). Der   Baum   ist   schwer   in   Worte   zu   fassen:   Er   ist   stiller   als   „Die   Welle“   oder   davor die   Erdkugelinstallation,   weniger   spektakulär   im   klassischen   Sinne,   aber   dafür nachhaltig   in   seiner   Wirkung.   Es   entfaltet   sich   eine   Form   von   kontemplativer Erhabenheit,   die   nachwirkt.   „Mythos   Wald“   ist   keine   Ausstellung,   die   man   schnell „abarbeitet“.   Sie   verlangt   Zeit,   Aufmerksamkeit   und   die   Bereitschaft,   sich   auf unterschiedliche Ebenen einzulassen. Fazit:   „Mythos   Wald“   wirkt   wie   eine   konsequente   Fortsetzung   dessen,   was   der Gasometer   in   den   letzten   Jahren   etabliert   hat:   Ausstellungen,   die   Wissenschaft, Kunst   und   Emotion   miteinander   verbinden   und   dabei   die   Grenzen   klassischer Präsentationsformen   sprengen.   Am   Ende   verlässt   man   den   Gasometer   mit   einer veränderten   Perspektive   auf   etwas,   das   uns   eigentlich   alltäglich   erscheint:   den Wald. Die   Ausstellung   läuft   vom   20.   März   bis   zum   30.   Dezember   2026,   was   ausreichend Zeit   bietet,   einen   Besuch   einzuplanen   –   allerdings   ist   damit   zu   rechnen,   dass   es besonders an Wochenenden und Feiertagen voll wird. Der   Eintrittspreis   liegt   bei   14   Euro   für   Erwachsene   und   11   Euro   ermäßigt.   Die Anreise   gestaltet   sich   unkompliziert:   Der   Gasometer   liegt   in   unmittelbarer   Nähe zum   Einkaufs-   und   Freizeitkomplex   CentrO   in   Oberhausen   und   ist   sowohl   mit dem    Auto    als    auch    mit    öffentlichen    Verkehrsmitteln    gut    erreichbar.    Alle tagesaktuellen Informationen finden sich jeweils unter www.gasometer.de