RuhrGesichter Die ehemaligen Babcock-Hallen in Oberhausen, die in den vergangenen Jahren bereits spektakuläre Entertainmentformate beherbergt haben, ermöglichen nun die „Polar Experience“. Wir Ruhrgesichter haben uns die immersive Ausstellung über Arktis und Antarktis mit kritischem Blick angesehen. Die Schau möchte die entlegensten Regionen der Erde emotional erfahrbar machen, dem Publikum wissenschaftliche Forschung unterhaltsam nahebringen und zugleich ein Klima-Bewusstsein erzeugen, das nicht allzu belehrend wirkt. Genau an dieser ambitionierten Schnittstelle entscheidet sich, ob die Ausstellung tatsächlich mehr ist als eine technisch beeindruckende Bilderflut.

Kritik: „Polar Experience“                                                                  

Virtuelle Expedition in Arktis & Antarktis

Bereits   beim   Betreten   der   Halle   fällt   auf,   dass   die   Inszenierung   konsequent dramaturgisch    entworfen    wurde:    Die    Besucher    sollen    nicht    einfach    durch Ausstellungsräume    laufen,    sondern    eine    Expedition    antreten:    Der    Rundgang beginnt     deshalb     nicht     direkt     mit     Schautafeln     oder     langen,     erklärenden Wandtexten,   sondern   mit   einem   virtuellen   Boarding   auf   die   „Polarstern“,   jenes legendäre     Forschungsschiff,     das     längst     selbst     Symbol     wissenschaftlicher Grenzerfahrung      geworden      ist.      Zwischen      technischem      Equipment      und dokumentarischen   Bildern   entsteht   tatsächlich   das   Gefühl,   Teil   einer   Mission   zu werden. Auffällig   ist   dabei,   wie   sehr   die   Macher   versuchen,   Wissenschaft   emotional   zu codieren    und    den    Mythos    der    Polarforschung    als    etwas    Anfassbares    zu vermitteln.   Der   Audioguide,   der   uns   während   der   Tour   begleitet,   spricht   nicht   in nüchterner   Museumssprache,   sondern   erzählt   in   einem   Tonfall,   der   zwischen Reportage,     Abenteuererzählung     und     Bildungsformat     changiert.     Teile     des Audioguides   für   die   Erwachsenen   sind   von   bekannten   Stimmen   aus   „Galileo“ eingesprochen   worden.   Kinder   werden   von   „Cosmo“,   bekannt   aus   „Galileo   Kids“, im   Audioguide   durch   die   Ausstellung   geführt.   Das   funktioniert   erstaunlich   gut; atmosphärisch    etwas    verwirrend    war    das    scheinbare    Zusammenführen    der Erwachsenen-   und   der   Kinderversion   im   Videomappingraum.   Insgesamt   ist   der Audioguide   kein   bloßes   informatives   Add-on,   sondern   unbedingt   notwendig,   um die   Ausstellung   genießen   zu   können.   Das   ist   stark   umgesetzt,   auch   weil   die Ausstellung    dadurch    niemals    den    Charakter    eines    manchmal    etwas    drögen naturkundlichen   Museums   annimmt,   stattdessen   bewegt   sie   sich   näher   an   einer dokumentarischen Erlebnisreise. Besonders   deutlich   wird   dies   in   der   Passage   „Faszination   Eis“.   Hier   sinkt   die Temperatur    tatsächlich    spürbar.    Ein    kalter    Luftzug    zieht    durch    den    Raum, während    Projektionen    gefrorener    Landschaften    die    Wände    dominieren.    Die körperliche   Erfahrung   verändert   den   Blick   auf   die   Bilder.   Plötzlich   ist   Eis   nicht mehr bloß Motiv, sondern Atmosphäre. Wo   klassische   Museen   auf   Distanz   und   analytische   Einordnung   setzen,   arbeitet diese    Produktion    immersiv.    Licht,    Sounddesign,    Temperatur,    Bildflächen    und erzählerische   Verdichtung   sollen   den   Besucher   nicht   nur   informieren,   sondern bestmöglich   in   das   Gesehene   hineinziehen   und   unterhalten.   Dies   gelingt   grandios und   der   Besuch   macht   Spaß.   Es   handelt   sich   beim   Besuch   der   Polar   Experience um   eine   klug   inszenierte,   kurzweilige   und   stets   spannende   Stippvisite   in   den eisigen    Regionen    der    Welt,    nicht    um    einen    musealen    Bildungsaufenthalt, entsprechend zurückhaltend sind die Schautafeln betextet. Den   Besuchern   begegnen   Eisbären,   Robben,   Seeadler   und   Pinguine.   Besonders die   Unterwasseraufnahmen   entfalten   hier   eine   hypnotische   Wirkung.   Ein   Wal gleitet   durchs   Wasser,   Pinguine   schießen   durch   virtuelle   Eislandschaften,   während das   Sounddesign   jede   Bewegung   mit   atmosphärischen   Klangflächen   verstärkt. Technisch ist das beeindruckend umgesetzt. Bei   Alessandro   Roveres   Film   „Das   letzte   Eis“   verändert   sich   plötzlich   die   Tonlage der   gesamten   Schau.   Statt   visueller   Überwältigung   herrscht   hier   Konzentration auf   die   Yupik-Gemeinschaften   in   der   Arktis.   Dies   gehört   zu   den   stilleren,   aber nachhaltigsten   Momenten   der   Ausstellung,   weil   er   den   Blick   weg   vom   staunenden Tourismus und der Projektionstechnik hin zu realen Lebensbedingungen lenkt. Überhaupt   bemüht   sich   „Polar   Experience“   sichtbar   darum,   nicht   allzu   sehr   den moralischen   Zeigefinger   zu   erheben.   Das   unterscheidet   die   Schau   von   vielen anderen   Formaten,   die   oft   an   ihrer   eigenen   pädagogischen   Schwere   ersticken. Dass   dieses   Konzept   funktioniert,   zeigt   sich   vor   allem   im   zentralen   Videomapping- Raum, dem eigentlichen Herzstück der Ausstellung. Dieser   Raum   ist   zweifellos   jener   Abschnitt,   über   den   nach   dem   Besuch   am meisten   gesprochen   wird.   Bis   zu   sechs   Meter   hohe   Wände   verwandeln   sich   in   ein 360-Grad-Panorama:   Die   Projektionen   umschließen   den   Besucher   vollständig.   Die Kombination   aus   monumentalen   Bildern   und   passender   Klangwelt   entfaltet   eine erstaunliche Sogwirkung. Immersive   Formate   leben   von   Intensität,   aber   Intensität   kann   flüchtig   sein.   Die Ausstellung   beantwortet   diese   Herausforderung   mit   dem   abschließenden   „Act Now“-Bereich.    Hier    dürfen    Besucher    Botschaften    hinterlassen    und    sich    über konkrete Möglichkeiten des Engagements informieren. Bemerkenswert     ist,     dass     die     Ausstellung     apokalyptische     Rhetorik     meist vermeidet.   Statt   Weltuntergangsstimmung   dominieren   Begriffe   wie   Beteiligung, Verantwortung   und   gemeinschaftliche   Zukunft.   Das   mag   weniger   spektakulär wirken, erzeugt aber eine angenehm konstruktive Atmosphäre. Während    des    Rundgangs    fällt    auf,    wie    stark    „Polar    Experience“    von    der Verbindung      unterschiedlicher      Akteure      lebt.      Wissenschaftler,      Künstler, Filmemacher    und    Entertainment-Profis    arbeiten    hier    sichtbar    zusammen.    Die Dramaturgie    sitzt,    die    Bildwelten    sind    präzise    kalkuliert,    die    Übergänge funktionieren   (fast)   reibungslos.   Selbst   der   Audioguide   ist   so   konzipiert,   dass kaum Leerlaufmomente entstehen. Das   macht   „Polar   Experience“   zugänglich   und   publikumswirksam,   Themen   wie geopolitische   Interessen,   Rohstoffabbau   oder   die   wirtschaftlichen   Konflikte   rund um    die    Arktis    bleiben    eher    Randnotizen.    Das    ist    in    der    straffen    Konzeption sinnvoll    und    legitim.    Es    wäre    unfair,    von    einer    immersiven    Ausstellung    eine größere analytische Tiefe zu verlangen; dafür ist der Rundgang auch zu kurz. „Polar     Experience“     berührt,     fasziniert,     sensibilisiert     und     macht Oberhausen      bis      auf      Weiteres      zu      einem      der      kältesten      Orte Deutschlands.    In    Zusammenarbeit    mit    dem    Alfred-Wegener-Institut und       dem       Polarforscher       Prof.       Dr.       Markus       Rex       ist       den Ausstellungsmachern   ein   großer   Wurf   an   der   Schnittstelle   zwischen Wissensvermittlung und Entertainment gelungen.   Dass   „POLAR   EXPERIENCE“   bereits   in   Berlin   ein   Publikumserfolg   war,   überrascht nach    diesem    Besuch    nicht:    Die     Ausstellung     verbindet     spektakuläre Inszenierung    mit    ernsthaftem    Bildungsanspruch    und    beweist,    dass immersive Formate mehr sein können als bloße Instagram-Kulisse. Alle       wichtigen       Informationen       zum       Besuch       finden       sich       unter https://obex.de/de/projekte/polar-experience/