RuhrGesichter

Der geschäftsführende Vorstand der

„Albert Schweitzer Stiftung für unsere

Mitwelt“ im Gespräch mit den

Ruhrgesichtern

Der    Friedensnobelpreisträger    Albert    Schweitzer     (14.01.1875    04.09.1965)   war   Arzt,   Theologe   und   Philosoph.   Er   gründete   im   Jahr 1913    das    Urwaldspital    in    Lambaréné    in    Zentralafrika,    in    dem Menschen,   aber   auch   Tiere   medizinisch   behandelt   wurden.   Seine biozentrische   Ethik,   die   das   Leben   selbst   in   den   Mittelpunkt   rückte, dominierte      und      durchzog      stets      seine      humanitären      und tierschützerischen Bestrebungen. Im   Jahr   2000   wurde   die   „Albert   Schweitzer   Stiftung   für   unsere Mitwelt“    gegründet.    Rhena    Schweitzer    verlieh    der    Stiftung    den Namen ihres Vaters. Geschäftsführender    Vorstand    ist    heute    der    1979    in    Duisburg geborene      Diplom-Kaufmann      Mahi      Klosterhalfen,      der      den RUHRGESICHTERN    für    ein    ausführliches    Interview    Rede    und Antwort stand. RG:      Herr      Klosterhalfen,      nach      dem      Abitur      haben      Sie Betriebswirtschaftslehre   studiert.   Das   klingt   zunächst   einmal   nicht zwingend   nach   einem   vorbereitenden   Studium   auf   ihren   jetzigen Beruf. Mahi   Klosterhalfen:   Ja   und   nein.   In   der   Tat   hatte   ich   nach   dem   Abi ganz    andere    Pläne,    als    Tierschützer    zu    werden.    Damals,    noch weitestgehend    ohne    ethische    Orientierung,    hatte    ich    mir    fest vorgenommen,   ein   Unternehmen   aufzubauen   und   damit   reich   zu werden   –   das   war   auch   der   Hauptgrund   dafür,   weshalb   ich   mich   für ein   BWL-Studium   entschlossen   hatte.   Diese   Pläne   habe   ich   dann mitten   im   Studium   völlig   verworfen.   Allerdings   kommt   mir   die   BWL im    beruflichen    Alltag    doch    immer    wieder    sehr    gelegen    und Wolfgang   Schindler,   der   Gründer   unserer   Stiftung,   hat   es   sogar   in der     Satzung     festgehalten,     dass     der     Vorsitzende     über     eine betriebswirtschaftliche     Ausbildung     verfügen     sollte.     Insofern: Vorbereitung, ohne es zu wissen. RG: Was führte sie dann zum Tierschutz? Mahi     Klosterhalfen:     Ich     habe     als     Student     eines     Tages     die Autobiographie   von   Mahatma   Gandhi   gelesen,   in   der   es   eine   Stelle gab,   die   letztendlich   mein   Leben   verändert   hat:   Gandhi   war   krank und   seine   Ärzte   sagten   ihm,   er   müsse   Hühnerfleisch   essen   oder Hühnersuppe   trinken,   sonst   würde   er   sterben.   Gandhi   entgegnete, dass   er   lieber   selbst   sterben   würde   als   dafür   verantwortlich   zu   sein, dass    ein    Tier    sein    Leben    für    ihn    geben    müsse.    Diese    ethische Grundhaltung   fand   ich   so   kraftvoll   und   faszinierend,   dass   mich   die Szene nicht mehr losgelassen hat. Bis   dahin   sah   ich   mich   immer   als   Gegner   der   Massentierhaltung   und von   Tiertransporten.   Nachdem   ich   die   Stelle   gelesen   hatte,   kam   ich mir   scheinheilig   vor.   Bei   genauerem   Hinsehen   hatte   ich   immer   nur Lippenbekenntnisse   abgelegt,   denn   durch   mein   tägliches   Ess-   und Kaufverhalten    hatte    ich    die    Massentierhaltung    in    Wirklichkeit unterstützt.   Mir   wurde   klar,   wie   scheinheilig   ich   war   und   beschloss spontan,   zumindest   einen   Monat   lang   vegetarisch   zu   leben,   um   zu testen,   ob   ich   nicht   zu   mehr   fähig   war   als   zu   Lippenbekenntnissen. Ein    Hintertürchen    hielt    ich    mir    aber    offen:    Wenn    sich    die vegetarische   Ernährung   als   zu   mühselig   oder   geschmacksneutral herausstellen    würde,    könnte    ich    zumindest    sagen,    ich    hätte    es versucht.   Nach   diesem   Monat,   der   zu   meiner   Überraschung   total harmlos   verlief,   entschloss   ich   mich,   auch   zukünftig   kein   Fleisch   und keinen Fisch mehr zu essen. Wenig    später    stellte    ich    mir    zum    ersten    Mal    in    meinem    Leben ernsthaft    die    Frage,    was    eigentlich    mit    diesen    Veganern    und Veganerinnen   los   ist.   Ich   dachte,   mit   der   vegetarischen   Ernährung und   dem   Kauf   von   Bio-Milch   und   -Eiern   hätte   ich   mein   Ziel   erreicht, dass   für   mich   keine   Tiere   mehr   leiden   oder   sterben   müssen.   Durch eine   Recherche   im   Internet   erfuhr   ich   aber,   dass   Kühe   künstlich geschwängert    werden,    damit    sie    Milch    „geben“,    und    dass    die männlichen   Kälber   zu   Kalbsfleisch   verarbeitet   werden.   Außerdem erfuhr   ich,   dass   sogenannte   Milchkühe,   ob   nun   Bio   oder   nicht,   nach wenigen     Jahren     geschlachtet     werden,     dass     die     Brüder     der Legehennen   nach   dem   Schlüpfen   geschreddert   werden   und   dass die    Hennen    auch    nur    ein    Jahr    lang    (meist    unter    schlechten Bedingungen)    leben    dürfen.    Noch    vor    dem    Computer    sitzend entschloss ich mich, auf eine vegane Ernährung umzustellen. RG:   Nun   waren   Sie   also   ein   vegan   lebender   BWL   Student.   Was veranlasste Sie zum Schritt in den aktiven Tierschutz? Mahi    Klosterhalfen:    Als    ich    mich    immer    intensiver    mit    den Machenschaften   in   der   Tierproduktion   auseinander   setzte,   reichte es   mir   irgendwann   nicht   mehr,   „nur“   Veganer   zu   sein.   Ich   wollte aktiv    etwas    gegen    diese    Industrie    unternehmen,    die    Küken    die Schnabelspitzen   abtrennt,   Kälbern   die   Hornansätze   ausbrennt   und Ferkeln   die   Ringelschwänze   abschneidet.   Ich   wollte   etwas   dagegen tun,   dass   Hennen   in   Käfigen   ausharren   müssen,   in   denen   sie   noch nicht     einmal     ihren     grundlegendsten     Bedürfnissen     nachgehen können.   Ich   konnte   nicht   länger   dabei   zusehen,   dass   Tag   für   Tag tausende Tiere fehlbetäubt geschlachtet werden. Ich   war   damals   noch   immer   Student,   und   über   das   Internet   erfuhr ich    von    einer    Kampagne    in    den    USA,    die    mich    faszinierte:    Die größte     Tierschutzorganisation     der     USA     (HSUS)     unterstützte Studierende    dabei,    die    MensaleiterInnen    davon    zu    überzeugen, keine Käfigeier mehr zu verwenden. Ich   dachte   zuerst:   „Wenn   es   das   auch   in   Deutschland   gäbe,   wäre ich   sofort   mit   dabei!“   Das   dachte   ich   mir   dann   jedes   Mal,   wenn   ich von    den    Erfolgen    der    Kampagne    gehört    habe,    bis    ich    mir irgendwann   sagte:   „Wenn   es   das   hier   nicht   gibt,   musst   du   es   halt aufbauen!“.   Gesagt,   getan:   Ich   rief   in   den   USA   an,   holte   mir   Tipps und   wenige   Wochen   später   saß   ich   mit   schlotternden   Knien   meinem ersten     Studentenwerks-Gastronomieleiter     gegenüber.     Er     war grundsätzlich    offen    für    das    Thema,    scheute    sich    aber    vor    den Kosten.   Deshalb   fing   ich   an,   Unterschriften   von   Studierenden   zu sammeln.   Ich   fand   schnell   Unterstützung   und   innerhalb   kürzester Zeit    kehrte    ich    mit    5.000    Unterschriften    zum    Gastronomieleiter zurück.   Er   war   so   beeindruckt,   dass   er   mir   auf   der   Stelle   versprach, Käfigeier   aus   den   Mensen   zu   verbannen.   Dieser   Erfolg   hat   mich   so motiviert,   dass   ich   anfing,   mit   Studierenden   in   ganz   Deutschland zusammenzuarbeiten   und   ihnen   zu   helfen,   die   gleichen   Erfolge   zu erzielen. RG:   Das   ist   beeindruckend   und   erinnert   mich   an   ein   Zitat   von   Albert Schweitzer,   das   ich   auf   der   Website   Ihrer   Stiftung   gefunden   habe: „Über   das,   was   der   Einzelne   ausrichten   kann,   täuscht   man   sich.   Er vermag mehr, als man meint.“ Was   führte   sie   dann   schließlich   zum   professionellen   Tierschutz   und in den Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt? Mahi    Klosterhalfen:    Damals    trat    ich    mehreren    Tierschutz-    und Tierrechtsorganisationen   bei,   beteiligte   mich   an   Demos   und   lernte unter   anderem   Sebastian   Zösch   kennen.   Wir   beide   hatten   durch unsere   ehrenamtliche   Arbeit   immer   wieder   miteinander   zu   tun   und wir   tauschten   uns   darüber   hinaus   auch   regelmäßig   über   effektive Kampagnen für die Tiere aus. Sebastian,   dessen   Werdegang   meinem   in   vielen   Grundzügen   ähnelt, ist      heute      übrigens      Geschäftsführer      des      Vegetarierbunds Deutschland.   Er   sagte   eines   Tages   sinngemäß   zu   mir:   „Wenn   du dich    weiter    für    Legehennen    einsetzen    willst,    solltest    du    mal Wolfgang   Schindler   kennenlernen.   Das   ist   der   Rechtsanwalt,   der   das Bundesverfassungsgericht     überzeugt     hat,     dass     Legebatterien verfassungswidrig   sind,   und   er   ist   der   Gründer   der   Albert   Schweitzer Stiftung   für   unsere   Mitwelt,   die   Aldi   Nord   überzeugt   hat,   keine Käfigeier mehr zu verkaufen.“ Sebastian   hatte   die   E-Mail-Adresse   von   Wolfgang   Schindler,   dem   ich gleich   schrieb.   Wolf   lud   mich   ein,   ihn   in   München   zu   besuchen.   Wir unterhielten   uns   einige   Stunden   über   die   Stärken   und   Schwächen der   Tierschutz-   und   Tierrechtsbewegungen   und   wir   stellten   schnell fest,   dass   die   Chemie   zwischen   uns   stimmte.   In   seiner   direkten   Art fragte   Wolf   mich   nach   meiner   Kontonummer.   Er   wolle   die   Initiative „Käfigfreie   Mensa“   unterstützen   und   sehen,   was   ich   mit   seiner   Hilfe (2.000   Euro)   anstellen   könne.   Ich   nutzte   das   Geld,   um   mich   mit   den Studierenden   in   ganz   Deutschland   zu   treffen,   mit   denen   ich   bislang nur   telefoniert   hatte.   Das   war   wichtig,   denn   die   Erfahrung   hatte gezeigt,   dass   anfangs   nicht   alle   Mensaleiter   so   offen   waren   wie „meiner“,   was   die   Studierenden   oft   demotivierte.   Vor   Ort   konnte   ich oft helfen, wieder Schwung in die Sache zu bringen. Als   sich   immer   mehr   Mensen   von   Käfigeiern   verabschiedeten,   fragte Wolfgang    Schindler    mich,    ob    ich    dem    Vorstand    der    Albert Schweitzer   Stiftung   für   unsere   Mitwelt   beitreten   wolle.   Ich   sagte sofort   ja   und   zu   meiner   Überraschung   machte   er   mich   gleich   zum einzelvertretungsberechtigten    Vizepräsidenten.    Er    sagte    zu,    die Stiftung   finanziell   zu   unterstützen,   doch   er   machte   auch   klar,   dass ich   mich   selbst   um   die   nötigen   Einnahmen   kümmern   müsste,   wenn ich von meiner Tierschutzarbeit leben können wolle (mein Traum). Ich   machte   mich   also   zunächst   unbezahlt   an   die   Arbeit,   aus   einer kleinen,      von      ihrem      Gründer      finanzierten      Stiftung      ohne nennenswerten     Außenauftritt     eine     Stiftung     zu     machen,     die Arbeitsplätze     schafft     und     so     deutlich     größere     Projekte     und Kampagnen   stemmen   kann.   Zum   Glück   fanden   und   finden   sich   viele Menschen,   die   den   Ausbau   unserer   Arbeit   mit   ihren   Spenden   und Förderbeiträgen   möglich   machen.   Jetzt,   sechs   Jahre   später,   sind   wir 17    Personen,    die    sich    –    teils    als    Festangestellte,    teils    als Bundesfreiwillige–   in   Vollzeit   für   den   Schutz   und   die   Rechte   der Tiere einsetzen. RG: Wie finanziert sich die Stiftung? Mahi   Klosterhalfen:   Die   Stiftung   finanziert   sich   fast   ausschließlich über   Spenden   und   Förderbeiträge.   Aber   auch   Vermächtnisse   spielen eine wachsende Rolle. RG:   Auf   welchem   Themenbereich   liegt   das   Hauptaugenmerk   Ihrer Arbeit? Mahi   Klosterhalfen:   Wir   sind   eine   Stiftung,   die   sich   für   den   Schutz und   die   Rechte   der   Tiere   einsetzt.   Bei   unserer   Arbeit   lassen   wir   uns von   der   Maxime   „Ehrfurcht   vor   dem   Leben“   unseres   Namensgebers leiten.   Da   daraus   ein   gigantischer   Handlungsauftrag   entsteht,   haben wir   uns   entschlossen,   uns   auf   den   Bereich   zu   konzentrieren,   in   dem mit   Abstand   am   meisten   Leid   und   Tod   verursacht   wird:   die   Nutzung von Tieren und Tierprodukten als Nahrungsmittel. Wir   fördern   die   vegane   Ernährungsweise   als   die   derzeit   ethisch beste   Lösung,   um   dem   unnötigen   Leid   und   Tod   der   „Nutztiere“ entgegen   zu   treten.   Dabei   machen   wir   uns   nichts   vor:   die   vegane Ernährung   umfassend   zu   verbreiten,   ist   ein   langwieriger   Prozess, der      meistens      Zwischenschritte      wie      die      Reduktion      des Fleischkonsums   und   die   vegetarische   Ernährung   erfordert.   Da   ein Ende    der    Nutzung    von    Tieren    als    Nahrungsquelle    derzeit    nicht absehbar    ist,    wirken    wir    zudem    auf    eine    weniger    qualvolle Züchtung, Haltung und Tötung der Tiere hin. RG:   Wie   sehr   war   der   Schutz   von   sogenannten   „Nutztieren“   bereits für den Gründer der Stiftung prägend? Mahi   Klosterhalfen:   Auch   Wolfgang   Schindler   hat   sich   stark   auf   die „Nutztiere“   konzentriert,   wobei   wir   den   Fokus   in   meinen   ersten Jahren   gemeinsam   weiter   geschärft   haben.   Vor   meiner   Zeit   hat   er beeindruckende      Projekte      und      Kampagnen      sowohl      gegen Tierversuche   als   auch   gegen   die   Massentierhaltung   auf   die   Beine gestellt:   Er   hat   Studierende   vor   Gericht   vertreten,   die   sich   aus ethischen    Gründen    weigerten,    Tierversuche    durchzuführen,    er schrieb    juristische    Fachartikel    zum    Tierschutzrecht,    die    unter Juristen   noch   heute   als   legendär   gelten,   und   er   schaffte   mit   dem Aldi-Nord-Käfigeiausstieg   den   ersten   großen   Tierschutz-Durchbruch im Bereich der Unternehmenskampagnen. RG: Was muss man über den Namensgeber der Stiftung wissen?   Mahi    Klosterhalfen:    Albert    Schweitzer    war    einer    der    wenigen Philosophen,   die   ihre   Erkenntnisse   so   ernst   genommen   haben,   dass sie   sie   als   praktische   Ethik   (vor-)gelebt   haben.   Das   ist   auch   ein Grund   dafür,   warum   sich   die   Philosophie   auch   heute   noch   so   schwer mit   ihm   tut:   sie   ist   akademisch   geprägt   und   versteht   sich   höchstens als   Wegweiser,   der   zwar   die   Richtung   anzeigt,   aber   sich   selbst   nicht bewegt.   Ein   anderer   Grund   ist,   dass   Schweitzer   die   Tiere   und   alles andere   Leben   in   seine   Ethik   mit   einbezogen   hat,   während   damals fast    die    gesamte    restliche    westliche    Philosophie    unglaubliche Verbiegungen   vornahm,   um   sich   nicht   ernsthaft   und   konsequent   mit der   Tierethik   auseinanderzusetzen.   Was   viele   zudem   nicht   wissen: Schweitzer   hat   aktiven   Tierschutz   betrieben,   und   der   späte   Albert Schweitzer war Vegetarier. RG: Ist Albert Schweitzer ein Vorbild für Sie? Mahi   Klosterhalfen:      Ja.   Sich   ethische   Grundsätze   zu   erarbeiten   und selbst   dann   nach   diesen   zu   leben,   wenn   es   unbequem   wird,   ist etwas, woran wir uns alle ein Vorbild nehmen können und sollten. RG: Was sind Ihre Ziele mit der Stiftung? Mahi   Klosterhalfen:      Ich   möchte   das   Ende   dessen   miterleben,   was wir   heute   als   Massentierhaltung   bezeichnen   und   ich   will   mit   der Stiftung   wesentlich   dazu   beitragen,   dass   Tiere   als   das   anerkannt werden,   was   sie   sind:   Individuen   mit   eigenen   Bedürfnissen   und Charakteren   sowie   einem   starken   Lebenswillen.   Und   ich   möchte gemeinsam    mit    meinen    Mitarbeiterinnen    und    Mitarbeitern    dabei helfen,    dass    wir    uns    trauen,    aus    diesen    Tatsachen    ethische Konsequenzen zu ziehen. RG: Was war für Sie der bislang größte Erfolg der Stiftung? Mahi   Klosterhalfen:   Es   lässt   sich,   glaube   ich,   ziemlich   klar   sagen, dass    keine    andere    Organisation    einen    so    großen    Beitrag    dazu geleistet    hat,    die    Käfighaltung    von    Legehennen    in    Deutschland praktisch bis in die Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen: Von   der   Entscheidung   des   Bundesverfassungsgerichtsbis   hin   zu   den erfolgreichen   Verhandlungen   mit   fast   allen   großen   Supermarkt-   und Großhandelsketten            sowie            mit            über            hundert Lebensmittelproduzenten    gehen    die    meisten    großen    Erfolge    auf unsere   Stiftung   oder   Akteure   der   Stiftung   zurück.   Ganz   klar   muss man   dabei   auch   sagen,   dass   wir   beifast   allen   dieser   Schritte   große Teile   der   Tierschutz-   und   Tierrechtsbewegungen   als   Partner   hinter uns   hatten.   Auch   diese   breiten   Bündnisse   zu   schmieden,   sehe   ich als großen Erfolg – davon gibt es noch viel zu wenig. Genauso    freue    ich    mich,    dass    wir    mit    vielen    Unternehmen zusammenarbeiten,     um     das     vegetarisch-vegane     Angebot     zu vergrößern,   und   dass   uns   immer   wieder   Menschen   schreiben,   die aufgrund    unserer    Arbeit    ihren    Fleischkonsum    drastisch    reduziert haben oder gleich auf vegetarisch oder vegan umstellten. RG:   Hat   sich   in   der   öffentlichen   Wahrnehmung   von   Tierrechten   und Tierschutz etwas geändert? Wenn ja, was? Mahi     Klosterhalfen:     Als     ich     im     Jahr     2005     auf     die     vegane Lebensweise   umstellte   und   neue   Menschen   kennenlernte,   war   ich fast   jedes   Mal   der   erste   Veganer,   den   diese   Menschen   in   ihrem Leben   gesehen   haben.   Da   hatte   ich   immer   wieder   das   Gefühl,   die Menschen   halten   mich   für   einen   Außerirdischen   –   besonders,   wenn ich   in   Restaurants   erklärte,   was   ich   essen   will   und   was   nicht.   Im Scherz   sage   ich   heute   manchmal,   dass   man   als   vegan   lebender Mensch   inzwischen   ins   tiefste   Bayern   reisen   muss,   um   das   noch erleben zu dürfen. Aber   im   Ernst:   Noch   vor   wenigen   Jahren   musste   man   sich   vegane Kochbücher   aus   den   USA   und   England   bestellen,   heute   belegen vegane    Bücher    regelmäßig    die    ersten    Plätze    der    Kochbuch- Bestsellerlisten.    Und    wir    haben    innerhalb    weniger    Jahre    einen kompletten    Imagewandel    durchgemacht:    früher    galten    vegan lebende   Menschen   als   blass,   schwach   und   launisch,   heute   stellen vegan   lebende   Athleten   regelmäßig   neue   Weltrekorde   auf   und   die meisten   Menschen   aus   den   Tierschutz-   und   Tierrechtsbewegungen können   auch   mal   über   sich   selbst   lachen   und   werden   auch   so wahrgenommen.   Das   sind,   zusammen   mit   der   stetig   wachsenden Zahl   der   vegetarisch   und   vegan   lebenden   Menschen,   schon   sehr beachtliche Veränderungen innerhalb kürzester Zeit. RG:     Bemerken     Sie     aufgrund     der     veränderten     öffentlichen Wahrnehmung   von   Tierrechten   und   Tierschutz   eine   Veränderung   in der  Spendenbereitschaft? Mahi   Klosterhalfen:   Das   kann   ich   nur   begrenzt   beurteilen.   Die   Albert Schweitzer   Stiftung   für   unsere   Mitwelt   wächst   sehr   schnell.   Welchen Anteil    darandie    wachsende    Zahl    unserer    Erfolge    und    unsere zunehmende   öffentliche   Präsenz   habenund   welcher   Anteil   auf   eine eventuell   wachsende   Spendenbereitschaft   zurückzuführen   ist,   kann ich   nicht   sagen.   Mein   Eindruck   ist   aber,   dass   die   meisten   Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen wachsen. RG:   Was   halten   Sie   von   neueren   Ideen,   Spenden   zu   generieren,   wie zum Beispiel dem „Boost Project“? Mahi    Klosterhalfen:    Möglichkeiten,    beim    Online-Shoppen    kleine Summen    zu    spenden,    indem    man    über    bestimmte    Werbelinks bestellt,   können   einen   kleinen,   sinnvollen   Beitrag   zum   Wachstum des    gemeinnützigen    Sektors    leisten.    Manchmal    habe    ich    ein bisschen   Sorge,   dass   solche   Kleinstspenden   das   Gefühl   erzeugen, man   spende   ja   ohnehin   schon   viel,   was   die   Spendenbereitschaft insgesamt   senken   könnte,   aber   mir   liegen   keine   Daten   vor,   die   das bestätigen. RG:   Der   Deutsche   Kinderschutzbund   hat   rund   50.000   Mitglieder,   der Deutsche   Tierschutzbund   800.000   Mitglieder.   Wie   kommen   solche Zahlen zustande? Sind die Deutschen eher Tier- als Menschenlieb? Mahi   Klosterhalfen:   Dieses   Beispiel   ist   nicht   repräsentativ.   74   %   der Spenden   der   Deutschen   fließen   in   humanitäre   Projekte,   auf   den Tierschutz    entfallen    nur    5    %.    Den    Rest    teilen    sich    Kultur    und Denkmalschutz,    Umweltschutz    sowie    andere    Projekte.    (Quelle: - deutschland-september-2012, S. 20) RG:    Mir    sagte    einmal    ein    'Insider',        dass    Tierschutzvereine    in Deutschland   zu   50   Prozent   mit      Papierkram,   Behördengängen   und dem   Aufhübschen   ihrer   Website   beschäftigt   sind.   Dazu   kämen   20   % für    Neuwerbung    von    Mitgliedern,        10    %    Bestandsmitglieder    - Betreuung   und   max.   10   %   für   die   Planung   konkreter   Projekte   und deren Durchführung. Wie stehen Sie zu diesem Dilemma? Mahi   Klosterhalfen:   Papierkram   gibt   es   bei   uns   kaum,   denn   wir haben    schon    vor    Jahren    beschlossen,    keinen    Cent    für    die Gestaltung,    den    Druck    und    den    Versand    von    Mitgliedsheften auszugeben.   Stattdessen   erhalten   unsere   UnterstützerInnen   1x   pro Quartal   eine   E-Mail,   in   der   ich   ihnen   schreibe,   was   wir   dank   ihrer Hilfe   bewegen   konnten.   Behördengänge   gibt   es   bei   uns   nicht,   denn wir   kommunizieren   per   Post,   Telefon   und   E-Mail   mit   dem   Finanzamt und    der    Stiftungsaufsicht.    Dass    NGOs    behördlich    kontrolliert werden,   halte   ich   für   sehr   sinnvoll   –   auch   wenn   das   gewisse   Kosten verursacht.   Bei   der   Webseite   helfen   uns   engagierte   Ehrenamtliche sowie Profis zu Kleinstpreisen. Wir   haben   außerdem   beschlossen,   kein   Geld   für   die   Neuwerbung von   Spendern   auszugeben.   Wenn   wir   um   Spenden   werben,   dann zahlt   das   unser   Vorstand   privat.   Auch   der   Betreuungsaufwand   für unsere   UnterstützerInnen   hält   sich   sehr   in   Grenzen.   Dafür   ist   bei uns   weitestgehend   ein   Auszubildender   zuständig,   dem   auch   noch viel Zeit für andere Tätigkeiten bleibt. Ich   sehe   daher   kein   Dilemma,   sondern   eine   Herausforderung   für   die Geschäftsführung   von   NGOs,   schlanke   Strukturen   zu   schaffen.   Dass unser   Gründer   Unternehmer   war   und   dass   ich   ein   BWL-Studium absolviert   habe,   ist   bei   der   Bewältigung   dieser   Aufgabe   definitiv kein Nachteil. RG:   Das   NRW-Verbraucherschutzministerium   hat   sich   im   September 2013   an   den   §   7   des   Tierschutzgesetzes   erinnert   und   verbietet   das Töten    von    männlichen    Küken    von    Legehennenrassen.    Rund    50 Millionen    dieser    kleinen    Küken    werden    jährlich    direkt    nach    der Geburt   geschreddert   oder   vergast.   Was   im   Ministerium   aktuell   noch niemand    beantworten    kann,    ist    die    Frage,    was    mit    den    Küken geschehen soll. Wie sehen Sie die Debatte? Mahi   Klosterhalfen:   Das   Ministerium   hat   eine   Antwort   auf   diese Frage   und   sagt,   dass   die   Küken   gemästet   werden   sollen.   Allerdings bin   ich   überzeugt,   dass   es   dazu   nicht   im   großen   Stil   kommen   wird, denn    Legerassen    sind    komplett    andere    Tiere    als    die    gängigen Turbomast-Rassen.   Weil   die   Brüder   der   Legehennen   „zu   langsam“ wachsen   und   damit   „zu   teuer“   sind,   lohnt   sich   die   Mast   nicht.   Der Trend   wird   zur   geschlechtlichen   Früherkennung   im   Ei   gehen.   Die   ist schon   jetzt   möglich   und   durch   den   zunehmenden   Druck   aus   Politik, Öffentlichkeit    sowie    von    NGOs    wird    es    auch    schneller    zu    einer marktfähigen   Lösung   kommen,   als   es   der   Eierindustrie   momentan lieb ist. RG:   Menschen   lieben   ihre   Haustiere.   Auf   der   anderen   Seite   quälen sie   im   Normalfall   ihre   Nutztiere.   Ersteres   machen   sie   selbst,   für   das Zweite   bezahlen   sie   Andere   und   legen   oft   eine   bemerkenswerte Unwissenheit   und   Desinteresse   über   die   Herkunft   ihrer   Lebensmittel an den Tag. Wie kommt das? Mahi    Klosterhalfen:    Unwissenheit    und    Desinteresse    gehen    nach unseren   Beobachtungen   deutlich   zurück.   Wo   sie   noch   vorhanden sind,   hat   das,   glaube   ich,   viele   Ursachen.   Ich   bin   mir   sicher,   dass die   meisten   Menschen,   die   „Nutztiere“   so   gut   kennenlernen   wie   ihre „Haustiere“,   schnell   feststellen,   dass   diese   beiden   Tier-Kategorien völlig   künstlich   sind   und   vom   Menschen   geschaffen   wurden,   nicht aber    von    der    Natur    vorgeben    sind.    Hunde    und    Schweine    sind beispielsweise    ähnlich    intelligent    (Schweine    wohl    sogar    etwas intelligenter),      lieben      es,      gekrault      zu      werden,      schließen Freundschaften   und   so   weiter.   Auf   YouTube   findet   man   auch   Videos von Hunden und geretteten Schweinen, die gemeinsam spielen. Der   große   Nachteil,   den   die   „Nutztiere“   haben,   ist   ihre   Anonymität. In   den   Fleischmassen   erkennt   man   kein   Individuum   mehr,   wasdie Fleischindustrie   sogar   noch   bewusst   verstärkt,   indem   sie   den   Bezug zum     Tier     immer     mehr     versteckt.     Deshalb     gewinnen     auch Fleischbällchen   und   andere   Produkte,   bei   denen   man   nicht   erkennt, um    welches    Körperteil    es    sich    gerade    handelt,    immer    mehr Marktanteile. RG:   Einer   meiner   Nachbarn   ist   auf   dem   Bauernhof   aufgewachsen. Er     sagt:     Die     Tiere     wurden     ordentlich     versorgt,     schließlich geschlachtet    und    verzehrt.    Da    gäbe    es    nichts    Falsches    dran. Vegetarier   würden   in   Städten   gemacht,   weil   sie   da   keinen   Bezug mehr    zu    Nutzvieh    haben    und    sich    erschrecken,    dass    bei    der Fleischproduktion    auch    mal    Blut    fließt.    Was    würde    Sie    meinem Nachbarn sagen? Mahi    Klosterhalfen:    Ihr    Nachbar    hat,    glaube    ich,    gar    nicht    so unrecht.   Dadurch,   dass   wir   im   Alltag   heute   viel   weniger   Gewalt erleben   als   früher,   nehmen   wir   sie   nicht   mehr   als   normal   war.   Im Gegensatz   zu   Ihrem   Nachbarn   halte   ich   das   aber   für   etwas   Gutes: Unsere    Abneigung    gegen    Gewalt    kann    gar    nicht    groß    genug werden. RG:    Vom    gleichen    Nachbarn    kommt    auch    der    Einwand,    dass Menschen    schon    immer    Fleisch    gegessen    haben    und    wir    als Pflanzenfresser   schon   lange   ausgestorben   wären,   weil   sich   unsere Gehirne   dann   nicht   so   außerordentlich   gut   entwickelt   hätten.   Ist   da was dran? Mahi    Klosterhalfen:    Das    weiß    ich    nicht,    und    soweit    ich    die Forschungslage   überblicken   kann,   ist   es   bislang   kaum   möglich   zu sagen,   wer   vor   wie   vielen   tausenden   Jahren   was   gegessen   hat   und wie   das   die   Evolution   beeinflusst   hat.   Und   viel   wichtiger   ist   ja   die Frage,   ob   unsere   Ernährung   heute   Einfluss   auf   die   Entwicklung unserer   Gehirne   hat.   Da   ist   die   Forschungslage   viel   klarer:   Die Gehirne    von    ausgewogen    fleischfrei    ernährten    Babys    entwickeln sich mindestens so prächtig wie die von allen anderen Babys. RG:     Glauben     Sie,     dass     Menschen     und     Tiere     ohne     Tierleid miteinander leben können?  Mahi   Klosterhalfen:   Der   Mensch   kann   in   Ländern   wie   in   Deutschland praktisch   alles   Leid   und   allen   Tod,   den   er   absichtlich   über   die   Tiere bringt,   abstellen.   Wir   brauchenkeine   Tierprodukte,   um   uns   gesund ernähren   zu   können.   Für   diese   Erkenntnis   öffnen   sich   inzwischen auch     immer     mehr     Ernährungswissenschaftler.     Prof.     Johannes Wechsler,    kein    anderer    als    der    Präsident    des    Bundesverbands Deutscher    Ernährungsmediziner,    sagt    z.    B.:    „Es    spricht    nichts dagegen,     sich     vegan     zu     ernähren.     Wenn     man     auf     eine ausgewogene Nährstoffzufuhr achtet, ist es sogar sehr gesund.“ Dass   es   in   einigen   anderen   Teilen   der   Welt   vermutlich   nicht   ohne Tierprodukte   geht   und   dass   wir   es   kaum   vermeiden   können,   mal eine   Ameise   totzutreten,   sollte   uns   nicht   davon   abhalten,   Schritt   für Schritt das anzugehen, was wir angehen können. RG:    Die    Geschichte    bietet    keine    größeren    Beispiele,    dass    der Stärkere   den   Schwächeren   nicht   zur   Beute   gemacht   hätte.   Ist   Ihre Vision nicht Träumerei? Mahi   Klosterhalfen:   Die   Frage   ist,   ob   wir   zu   mehr   fähig   sind,   als immer   nur   das   Recht   des   Stärkeren   für   uns   in   Anspruch   zu   nehmen. Ich meine: das sind wir. RG:    Im    November    jährte    sich    der    Erlass    des    ersten    deutschen Tierschutzgesetzes   von   1933   durch   die   Nazis.   Wie   hat   sich   die rechtliche Stellung der Tiere seither verändert? Mahi   Klosterhalfen:   Nur   zur   Sicherheit:   Alle   Menschen,   die   ich   aus den   Tierschutz-   und   Tierrechtsbewegungen   kenne,   wünschen   sich, dass es die Nazis nie gegeben hätte. Das    Staatsziel    Tierschutz    aus    dem    Jahr    2002    ist    eine    wichtige Errungenschaft,    die    bislang    allerdings    weitestgehend    folgenlos blieb,   was   aus   unserer   Sicht   untragbar   ist.   Auch   ansonsten   ist   die rechtliche   Stellung   der   Tiere   nach   wie   vor   sehr   schwach   –   in   der Praxis   noch   schwächer   als   auf   dem   Papier.   Das   Tierschutzgesetz liest   sich   an   einigen   Stellen   sehr   schön,   aber   Verordnungen,   die dazu   da   sind,   die   bewusst   recht   weit   gefassten   Formulierungen   im Tierschutzgesetz    zu    konkretisieren,    hebeln    den    ursprünglichen Tierschutzgedanken    regelmäßig    wieder    aus.    Hinzu    kommt,    dass selbst   die   offensichtlichsten   Rechtsverstöße   meistens   ungeahndet bleiben,   was   auch   damit   zusammenhängt,   dass   es   bundesweit   noch immer kein Klagerecht für Tierschutzorganisationen gibt. RG:   Im   Film   Earthlings   werden   die      großen   Tierfabriken   mit   den Konzentrationslagern    der    Nazis    verglichen.    Wie    finden    Sie    den Vergleich? Mahi   Klosterhalfen:   Ich   bin   kein   Freund   dieses   Vergleichs,   auch wenn   ich   durchaus   nachvollziehen   kann,   dass   viele   Menschen   an Konzentrationslager     denken,     wenn     sie     Aufnahmen     aus     der Massentierhaltung    sehen.    Das    sehen    übrigens    auch    einige    der Menschen so, die den KZs entkommen sind. Trotzdem   denke   ich,   dass   uns   der   Vergleich   nicht   viel   weiter   bringt, denn   das   Leid   der   tierlichen   Opfer   mit   dem   Leid   der   menschlichen Opfer   zu   vergleichen,   führt   zwangsläufig   zu   Diskussionen   über   die Grenzen   der   Vergleichbarkeit.   Was   wir   dringender   brauchen,   ist   die Erkenntnis,   dass   Tierfabriken   unabhängig   von   der   Vergleichbarkeit mit    anderen    historischen    Ungerechtigkeiten    abgeschafft    werden müssen. RG:   Die   Mehrheit   der   aktiven   Tierschützer   scheint   sich   politisch   eher links   verorten   zu   lassen.   Auch   im   ganz   rechten   Spektrum   scheinen sich   viele   Aktive   zu   tummeln.   Ist   Tierschutz   etwas   für   die   politisch Extremen? Mahi   Klosterhalfen:   Das   nehme   ich   ganz   anders   wahr.   Ganz   rechts sehe     ich     verschwindend     wenige     echte     Tierschützer     oder Tierrechtler,   ganz   links   deutlich   mehr   und   zwischen   den   Polen   mit Abstand   am   meisten.   Das   spiegelt   auch   das   Bild   auf   fast   allen großen   Demos   und   Veranstaltungen   wider:   Nazis   sind   nicht   da   oder werden    von    vornherein    ausgeschlossen,    besonders    Linke    bilden einen   eigenen   Block   oder   mischen   sich   unter   die   anderen   Menschen und die große Mehrheit kommt aus der breiten Mitte. RG:   Die   Grünen   haben   durch   ihren   Vorschlag   zum   Veggie-Day   vor der   Bundestagswahl   gehörig   Stimmen   eingebüßt.   Wie   haben   Sie dies empfunden und wie stehen Sie zu der Idee? Mahi   Klosterhalfen:   Die   Veggietag-Hetze   war   äußerst   peinlich   und die   Gegner   der   Grünen   haben   Tatsachen   bewusst   verdreht.   Die Grünen    wollten    ja    keine    Fleischgerichte    verbieten,    was    nach meinem   Kenntnisstand   juristisch   auch   überhaupt   nicht   möglich   ist. Sie     wollten     lediglich     helfen,     ein     größeres     und     besseres vegetarisches   Angebot   zu   schaffen.   Das   haben   die   Grünen   aber leider ziemlich ungeschickt kommuniziert. RG:   Als   ich   noch   Fleisch   gegessen   habe,   haben   mich   die   Missionare unter    den    Vegetariern    sehr    gestört,    die    ich    als    schlimmer, nervtötender   und      übergriffiger   empfand   als   irgendwelche   religiösen Eiferer.    Wie    kann    man    andere    überzeugen,    ohne    zum    großen „Verkünder der Wahrheit“ zu mutieren? Mahi   Klosterhalfen:   [Lacht]   Das   ist   gar   nicht   so   einfach.   Ich   war früher    auch    ein    nervtötender    Vegan-Verkünder.    Viele    Menschen haben   ein   Aha-Erlebnis,   wenn   sie   den   Status   quo   gründlich   infrage stellen.   Und   dann   ist   es,   glaube   ich,   ganz   natürlich,   dass   man anderen   Menschen   mit   einer   gewissen   Vehemenz   erklären   will,   wie verrückt   das   System   der   Massen-Fleischproduktion   eigentlich   ist. Inzwischen   warne   ich   aber   alle   vegetarisch   und   vegan   lebenden Menschen   davor,   dieselben   Fehler   zu   machen   wie   ich,   denn   wie   Sie schon    sagen:    der    ganze    Eifer    ist    trotz    der    besten    Absichten meistens kontraproduktiv. Meine     Empfehlung     ist,     andere     Menschen     unaufdringlich     mit Informationen zu versorgen und als positives Beispiel zu leben. RG:    Gibt    es    eine    Empfehlung    für    einen    Fleischesser,    der    nicht vorhat,   sich   zum   veganen   Leben   bekehren   zu   lassen,   dem   jedoch die   Herkunft   des   Fleisches   einschließlich   möglichen   Tierleids   nicht egal ist? Mahi   Klosterhalfen:   Nicht   bekehren   lassen   ist   in   jedem   Fall   gut, denn    wir    brauchen    keine    Bekehrten,    sondern    Menschen,    die eigenständig    und    verantwortungsvoll    denken    und    handeln.    Ich empfehle   immer,   öfter   mal   bewusst   vegetarisch-vegan   zu   essen   und zu   kochen.   Es   gibt   so   viele   fleischfreie   Gerichte   und   Produkte,   bei denen   man   gar   nicht   auf   die   Idee   kommt,   dass   irgendetwas   fehlen könnte.   Andererseits   kann   man   pflanzliche   Lebensmittel   auch   so unglücklich     zusammenmischen,     dass     sie     niemandem     mehr schmecken.   Daher:   immer   wieder   Neues   ausprobieren   und   das   Gute regelmäßig   genießen.   Was   sich   daraus   langfristig   ergibt,   kann   und muss jeder für sich selbst sehen. RG: Haben Sie selbst Tiere? Mahi    Klosterhalfen:    Ich    passe    seit    einigen    Monaten    die    beiden Katzen   einer   Freundin   auf,   die   viel   unterwegs   ist.   Ich   hatte   lange Zeit   die   sehr   harte   und   kopfgesteuerte   Einstellung,   dass   „Haustiere“ nur   von   der   eigentlichen   Arbeit   für   (viel   mehr)   Tiere   ablenken. Inzwischen     weiß     ich,     dass     Haustiere     nicht     nur     ein     (Zeit- )Kostenfaktor     sind,     sondern     auf     ihre     Art     auch     ganz     viel zurückgeben. RG:   Was   tun   Sie,   wenn   sie   mal   nicht   im   Namen   der   Tiere   unterwegs sind? Mahi    Klosterhalfen:    Ich    treibe    ein    bisschen    (zu    wenig)    Sport, verbringe   Zeit   mit   Freunden,   schaue   einen   guten   Film   oder   lese   ein gutes   Buch   –   wobei   ich   zugeben   muss,   dass   ich   in   den   letzten Jahren   fast   nur   Bücher   gelesen   habe,   die   direkt   oder   indirekt   mit meiner Arbeit zu tun haben. RG: Haben Sie einen Film- oder Buchtipp für uns? Mahi   Klosterhalfen:   An   Büchern   haben   mich   „Anständig   essen“   von Karen   Duve   und   „Tiere   essen“   von   Jonathan   Safran   Foer   besonders beeindruckt.   Und   der   Film   über   das   Wirken   von   Gandhi   mit   Ben Kingsley hat mich sehr bewegt. RG: Haben Sie nach wie vor eine Verbindung zum Ruhrgebiet? Mahi   Klosterhalfen:   Ich   bin   in   Duisburg   geboren   und   mein   Vater   hat jahrelang    in    Gelsenkirchen    gearbeitet.    Da    ich    in    Düsseldorf aufgewachsen   bin   und   auch   gegen   Ende   sowie   nach   meiner   Uni- Zeit    dort    gelebt    habe,    war    ich    zudem    fast    automatisch    immer wieder   mal   im   Ruhrgebiet   –   z.   B.   in   Moers,   Oberhausen,   Mühlheim, Essen,   Bochum,   Hagen,   Dortmund   und   Hamm.   Ich   habe   mich   im Ruhrgebiet   immer   wohl   gefühlt.   Inzwischen   bin   ich   nur   noch   ein   Mal pro Jahr da. RG: Was hat Sie damals von Düsseldorf nach Berlin verschlagen? Mahi   Klosterhalfen:   In   mir   wuchs   zunehmend   die   Überzeugung, dass   eine   Stiftung   wie   die   Albert   Schweitzer   Stiftung   für   unsere Mitwelt in Berlin vertreten sein muss. RG:   Gibt   es   eine   Geschichte   aus   Ihrer   Arbeit,   die   Ihnen   besonders in Erinnerung geblieben ist? Mahi    Klosterhalfen:    Nicht    nur    eine.    Am    einprägsamsten    war sicherlich   die   Anfangszeit,   als   alles   so   neu   und   dadurch   besonders aufregend   war   –   und   manchmal   auch   ein   bisschen   unprofessionell. Ich   erinnere   mich   noch   gut   an   ein   wichtiges   Telefonat,   das   ich   mit dem   Sprecher   einer   großen   Kette   in   meinem   Home-Office   geführt habe.   Ich   hatte   da   nur   einen   Bademantel   an,   weil   ich   am   Vortag   bis spät   in   die   Nacht   gearbeitet   hatte   und   mit   dem   Anruf   am   nächsten Morgen nicht rechnete. Zum Glück war das kein Skype-Gespräch! RG:   Wenn   Ihre   Träume   über   Nacht   wahr   geworden   wären:   woran würden sie es am nächsten Tag merken? Was wäre anders?  Mahi   Klosterhalfen:   Wenn   keine   Tierprodukte   mehr   gegessen   und genutzt   werden,   würde   man   das   auf   Anhieb   glaube   ich   gar   nicht merken.   Die   pflanzlichen   Alternativen   zu   Fleisch,   Milch,   Eiern,   Leder etc.   werden   Jahr   für   Jahr   besser   und   schon   heute   ist   bei   den   besten Produkten   geschmacklich   praktisch   kein   Unterschied   zu   erkennen. Die   wichtigsten   Unterschiede   wären   aber   letztlich,   dass   die   Welt friedlicher   wäre   und   die   Natur   sich   erholen   könnte   (die   Tierprodukt- Industrie    verursacht    vielleicht    die    größten    Umweltschäden    aller Industrien). RG:   Herzlichen   Dank   für   das   Interview   und   weiterhin   viel   Erfolg   bei Ihrer Arbeit. Mehr Informationen zur Arbeit der Stiftung finden Sie hier: www.albert-schweitzer-stiftung .
© Ruhrgesichter

“Ich möchte das Ende der

Massentierhaltung miterleben!”

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»Der    denkend    gewordene    Mensch erlebt   die   Nötigung,   allem   Willen   zum Leben   die   gleiche   Ehrfurcht   vor   dem Leben   entgegen   zu   bringen   wie   dem seinen. Er   erlebt   das   andere   Leben   in   dem seinen.     Als     gut     gilt     ihm,     Leben erhalten,            Leben            fördern, entwickelbares     Leben     auf     seinen höchsten Wert bringen. Als    böse:    Leben    vernichten,    Leben schädigen,      entwickelbares      Leben niederhalten. Dies       ist       das       denknotwendige, universelle,   absolute   Grundprinzip   des Ethischen.« Albert Schweitzer
»Wahre Ethik fängt an, wo der Gebrauch der Worte aufhört.«  Albert Schweitzer