RuhrGesichter Wer www.elspe.de in den Browser eingibt, der landet nicht etwas bei der Gemeindeverwaltung Elspe, sondern direkt bei der örtlichen Niederlassung des größten Häuptlings aller Zeiten: Winnetou. Und so rufen die Karl-May-Festspiele Elspe auch in diesem Jahr erneut in den Wilden Westen des Sauerlandes. Nach den schwierigen letzten Coronajahren können die Darsteller erstmals wieder vor vollem Haus auftreten, die Ruhrgesichter sind bei der Premiere selbstverständlich dabei.

Der Schatz im Silbersee                                                     

Die Karl-May-Festspiele in Elspe

Mit   „Der   Schatz   im   Silbersee“   bringt   das   Ensemble   wieder   ein   gewaltiges   und attraktives   Stück   Abenteuer   auf   die   Bühne.   Apropos   Bühne:   Wer   noch   nicht   in Elspe   war,   wird   die   Anlage   und   die   Dimensionen   der   Freilichtbühne   lieben   und auch    von    den    zeltartig    überdachten    Zuschauertribünen    begeistert    sein.    Das Ganze    liegt    eingebettet    in    einer    Westernstadt,    die    mit    Live    –    Musik,    einer Pferdeshow-Arena    und    einer    Veranstaltungshalle    die    großen    und    kleinen Besucher einen ganzen Tag begeistern kann. Man   merkt   dem   Elspe   Festival   an,   dass   man,   seitdem   im   Jahr   1958   erstmals “Winnetou”   auf   der   Naturbühne   in   Elspe   gespielt   wurde,   einige   Jahrzehnte   Zeit hatte,    zu    üben:    Die    Abläufe    sind    perfekt    aufeinander    abgestimmt,    ein organisatorisches    Rädchen    greift    in    das    andere,    so    dass    die    sonst    bei Großveranstaltungen   üblichen   Problemchen   nahezu   gänzlich   verschwunden   sind oder   zumindest   unsichtbar   bleiben:   Die   Besucherströme   werden   geschickt   über das   Gelände   geführt,   jeder   kann   alle   Shows   und   Attraktionen   sehen:   Ganz   ohne lange   Wartezeiten,   Drängelei   oder   Hetzerei.   Es   bleibt   Zeit   für   eine   Pause   und einen   Imbiss,   aber   ohne   Langeweile.   Dementsprechend   ist   auch   das   Publikum inklusive    der    zahlreichen    Kinder    ausgesprochen    entspannt.    Vielleicht    findet irgendwer   in   der   Requisitenkammer   auch   für   die   Security   Mitarbeiter   noch   einen Cowboyhut   und   einen   Sheriffstern,   dann   sind   sie   nicht   nur   gelassen   freundlich, sondern auch noch passend ausstaffiert. Die    Gastronomie    ist    dank    vorher    optional    gebuchter    Zeitslots    ebenso    eine reibungslose   Freizeitmaschine,   wie   das   gesamte   Festival.   Dennoch,   und   das   kann man    dem    Elspe-Festival    gar    nicht    hoch    genug    anrechnen,    durchweht    das gesamte   Gelände   eine   familiäre,   heimelige   Atmosphäre   und   erfasst   nahezu   jeden Mitarbeiter   und   die   allermeisten   Zuschauer.   Das   hat   sicher   mit   der   Tradition   des Festivals   zu   tun   und   damit,   dass   viele   der   Eltern,   die   heute   mit   ihren   Kindern kommen,   bereits   selbst   als   Kinder   mit   ihren   Eltern   hier   waren,   auch   mit   der ausnehmenden,   „echten“   Freundlichkeit   selbst   der   Aushilfen   und   der   Ordner… Vielleicht schwebt auch der friedliebende Geist Winnetous über dem Gelände. Doch    kein    Lob    ohne    Tadel:    Es    gibt    reichlich    zu    essen    und    das    für    viele verschiedene   Ansprüche.   Aber:   Vegetarier   können   wählen   zwischen   Pommes, Bratwurst   mit   Pommes   ohne   Bratwurst,   Schnitzel   mit   Pommes   ohne   Schnitzel, Nudeln    mit    Tomatensauce    und    Pommes.    Keine    Alternative    ist    hingegen    das winzige   Thunfisch-Pizza-Baguette   für   vier   Euronen,   das   schmeckt,   als   wenn   Sam Hawkins    persönlich    den    Thunfisch    vom    Arkansas-River    nach    Elspe    getragen hätte.   Im   Koffer.   Zwischen   seinen   alten   Socken.   Liebes   Elspe-Team:   Da   ist   noch Luft nach oben. Nun aber zu den wichtigen Dingen: Nach   dem   Einlass   besuchen   wir   als   erstes   die   Mitmachshow   „Crazy   Stunts“   in   der Festival-Halle.   Es   gibt   Feuer,   Stürze   aus   großer   Höhe   und   eine   zünftige   Rauferei. Es    werden    vier    Besucher    mehr    oder    minder    freiwillig    hinzugebeten    und erfolgreich   in   die   Show   integriert.   Das   Ganze   ist   kurzweilig,   lustig,   interessant und   gefällt   dem   Publikum   ausgesprochen   gut.   Uns   auch.   Und   darum   geht’s   doch, oder? In   der   Rodeoarena   wird   uns   die   Cascadeurshow   „Faszination   Pferd“   geboten, zusätzlich   zu   den   Pferden,   die   buchstäblich   durchs   Feuer   gehen   und   einigen Reittricks   zeigt   eine   Falknerin   ihre   gefiederten   Schützlinge.   Gute   Unterhaltung, die   Lust   macht   auf   das   nächste   Jahr,   wenn   es   beim   Elspe   Festival   heißt:   „Unter Geiern“. Mit Geiern. Zurück   in   der   Showhalle   erwarten   uns   „The   Original   Hatari   Tumblers“   mit   einer außerordentlich    guten    und    vielseitigen    Artistikshow.    Großes    Lob:    Eine    echte Bereicherung   für   den   Showteil   und   eine   Herausforderung   für   alle   Besucher,   sich daheim versuchsweise auch einmal in einen Koffer zu falten. Dann   noch   schnell   zu   live   Country-Musik   einen   kulinarischen   Versuch   (siehe oben)   gewagt   und   einer   Besucherin   zugeschaut,   die   vor   der   Band   Spagat   und allerhand   mehr   praktiziert,   was   die   Musiker   anschließend   sicherlich   etwas   verwirrt nach Hause reiten lassen wird. Wir   hingegen   reiten   in   den   Zuschauerraum   der   Freilichtbühne   und   werden   Zeuge, wie   im   Jahr   1872   am   Colorado   River   die   Tramps   rund   um   den   rotschopfigen Schurken   Brinkley   versuchen,   sich   den   Schatz   im   Silbersee   unter   den   Nagel   zu reißen   und   dabei   auch   vor   Intrigen   und   Mord   nicht   zurückschrecken.   Als   sie schließlich   den   Sohn   von   Großer   Wolf,   dem   Häuptling   der   Utahs,   töten,   schwört der   stolze   Häuptling   blutige   Rache.   Der   Frieden   zwischen   weißen   Siedlern   und den Utahs ist gestört. Auch Winnetou gerät ins Visier des zornigen Häuptlings. Es   folgen   wilde   Raufereien,   die   Entführung   einer   holden   Maid,   Zugüberfälle, Feuergefechte,    donnernde    Donnerbüchsen    und    fliegende    Fäuste,    das    ganze gewürzt   mit   reichlich   Slapstickhumor   und   einem   stets   kauzigen   Sam   Hawkins (wenn   ich   mich   nicht   irre).   Schließlich   kommt   es   zum   finalen   feurigen   Showdown hoch   oben   in   den   Bergen   am   Silbersee.   Ein   mit   viel   Liebe   für   Details   inszeniertes, mitreißendes     Stück     Wild     West     Romantik,     viel     Pyrotechnik     und     ein familienfreundlicher   Rahmen:   Kurzum:   Ein   perfekter   Ausflugstag   für   jährlich   rund 200000   begeisterte   Besucher   aus   ganz   Deutschland   und   vielleicht   auch   eine   gute Idee für unsere Leser. Jochen   Bludau,   der   seit   gefühlten   Ewigkeiten   als   Geschäftsführer   (bis   2020), Regisseur   und   Autor   die   künstlerische   Leitung   der   Festspiele   innehat,   inszeniert mit   Benjamin   Armbruster   auch   in   diesem   Jahr   einen   spannenden   Tag   rund   um die   „unkaputtbaren“   Blutsbrüder   Winnetou   und   Old   Shatterhand.   Bludau   spielte 1958   bei   der   ersten   Winnetou   Aufführung   den   großen   Apachenhäuptling   und stand   danach   viele   Jahre   als   Old   Shatterhand   auf   der   Bühne.   Seit   1974   fungiert er bis 2020 als Geschäftsführer und bis heute als Regisseur. Noch   immer   funktionieren   nicht   nur   die   Geschichten   Karl   Mays   auf   der   großen Bühne,   sondern   auch   die   konventionellen   Inszenierungen   begeistern   nach   wie vor.   Natürlich   sind   die   Dialoge   teils   etwas   holzschnittartig,   die   Kampfszenen   in Bud-Spencer-Manier   vom   erwachsenen   Teil   des   Publikums   tausendmal   gesehen und   die   Geschichte   ist   auch   für   die   Zuschauer   vorhersehbar,   die   keines   der Bücher     gelesen     und     keinen     der     Filme     gesehen     haben.     Und     ja:     Das schauspielerische   Gefälle   zwischen   gestandenen   Profis   wie   Jean-Marc   Birkholz (Winnetou),   Sebastian   Kolb   (Brinkley)   und   Martin   Krah   (Old   Shatterhand)   auf   der einen   und   einigen   Laienschauspielern   auf   der   anderen   Seite   ist   deutlich.   Das   stört und   aber   alles   nicht   die   Bohne   und   macht   auch   einen   Teil   des   familiären,   positiv- muffig-gemütlichen    Reizes    von    Elspe    aus,    dass    uns    Jahr    für    Jahr    in    die Westernstadt pilgern lässt. Eines    fernen    Tages    wird    auch    in    Elspe    der    Zeitpunkt    für    Veränderungen gekommen   sein.   Wir   Ruhrgesichter   hoffen   inständig,   dass   sich   dies   nicht   in woken    Übergriffen    auf    den    armen    Karl    May    niederschlagen    wird:    Eine Frauenquote   unter   Häuptlingen   und   eine   nervtötende   Erzählstimme   aus   dem   off, die   das   Publikum   über   die   Vielfalt   der   indigenen   Völker   und   die   eigene   koloniale Schuld   aufklärt,   der   Begriff   „Indianer“   ist   untersagt   und   darüber   hinaus   gibt   es einen   neuen   Fokus   auf   eine   möglicherweise   homoerotische   Liebe   zwischen   den Wahlblutsverwandten.   Utahs   dürfen   nur   noch   von   Original   Utahs   gespielt   werden, keinesfalls    von    Bleichgesichtern,    denn    das    wäre    kulturelle    Aneignung:    Das braucht   bei   den   traditionellen,   märchenhaften   Phantasiegeschichten,   die   hier dargeboten      werden,      absolut      niemand.      Es      braucht      irgendwann      eine Modernisierung   der   Darstellung,   keine   indigenen   Fachräte,   wie   jüngst   von   einer Professorin   für   Amerikanistik   propagiert.   Von   ganz   jung   bis   ganz   alt:   Niemand   im Zuschauerraum   verwechselt   die   Wild-West-Märchen   eines   Karl   May   mit   einer korrekten historischen Darstellung. Also:     Eines     Tages     wird     der     Zeitpunkt     für     achtsame     und     vorsichtige Veränderungen   gekommen   sein.   Aber   nicht   heute.   Denn   heute   erfreuen   sich   die Alten    an    den    Kindheitserinnerungen    und    die    Kinder    an    den    spannenden Abenteuern   und   Raufereien   mit   echten   Helden.   Wer   mit   beidem   nichts   anfangen kann,   freut   sich,   dass   die   Kinder   Spaß   haben   und   kuckt   tolle   Pferde,   Explosionen und teils aufwändige Stunts. Erneut   begeisterte   Ruhrgesichter   geben   10   von   10   möglichen   Indianerfedern   für einen großartigen Tag im Wilden Westen. Unser Interview mit Winnetou (Jean-Marc Birkholz) findet sich hier.