RuhrGesichter

Seit  

2001  

hat  

das  

Ruhrgebiet  

ein  

Kulturfestival,

das   

die   

Industriekultur   

der   

Region   

in   

Szene

setzt.  

Und  

dies  

mittlerweile  

mit  

jährlich  

200.000

Besuchern  

an  

46  

Spielorten  

in  

21  

Städten.  

Jahr

für      

Jahr      

nehmen      

rund      

2000      

Künstler

Industrieanlagen,  

Museen  

und  

Landmarken  

„in

Beschlag“    

und    

schaffen    

so    

ein    

vielseitiges

Programm   

mit   

500   

Events   

in   

einer   

einzigen

Nacht.  

Was   wir   stets   besonders   gut   finden:   Es   gibt   nicht   die   eine   große Zentralveranstaltung mit ein paar kleineren „Nebenschauplätzen“,
© Ruhrgesichter

Das Revier feiert sich selbst: ExtraSchicht

sondern nahezu das ganze Ruhrgebiet ist beteiligt, die Besucher können ohne zusätzliche Tickets per Shuttlebus oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln frei zwischen den Events und Städten wechseln.  Die Extraschicht 2017 zeigte wieder die ganze Vielseitigkeit der Region: Es war laut und bunt, aber auch leise und poetisch. Es gab visuelle Highlights, Illuminationen an den alten Industrieanlagen, Höhenfeuerwerke, aber auch nachdenkliches, fast verstecktes zu entdecken. Wie immer traf man auch in diesem Jahr ExtraSchicht – Neulinge, die ziellos umherirrten, möglichst viele Spielorte besuchen wollten und sich am Ende doch nur in den            dunklen Gassen des Ruhrpotts bzw. im Stau verhedderten. Oberste Regel für ExtraSchicht Profis: Ungefähr drei Spielorte VORHER aussuchen, am Spielort mit der besten Erreichbarkeit oder Parkplatzsituation beginnen und von dort dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Shuttlebussen weiterfahren. Dann wird es ein gemütlicher, stressfreier und phantastischer Abend.  Wir beherzigten unseren eigenen Ratschlag und beschränkten uns auf drei Ziele, besuchten die Schachtanlage 3/4/7 auf Schlägel und Eisen, die Zeche Ewald in Herten und die Flottmann Hallen in Herne.            Auf Schlägel und Eisen tauchten wir in das Kraftfeld der Industriegeschichte, es gab Musiker aller Art, eine Autorenlesung, Flamenco Tänzer, die im Rahmen der Bergbau-Lebenswelt einen nahezu surrealen Kontrast bildeten. Marìa del Mar und Vural Dursun begeisteten mit ihrem Flamencotanz und der eindrucksvollen, abwechslungsreichen Choreografie das Publikum und beeindruckten nachhaltig. Erhellt von Licht und Videoinstallationen entdeckten wir jahrzehntelang verschlossene staubige Räume neu und sangen (laut und falsch) mit dem Bergmannschor „You’ll never walk alone“ (nicht ohne, dass der Chor darauf verwies, dass dieses Lied ja auch in Liverpool gesungen wird und nicht nur beim ungeliebten Fußballnachbarn), direkt gefolgt vom „Steigerlied“. Es war beeindruckend schön zu erleben, wie die Schachtanlage, in der von 1897 bis zum Jahr            2000 Kohle gefördert wurde, aus dem Dornröschenschlaf erwachte.  Die Zeche Ewald wirkte mit dem Revue Palast Ruhr und dem Besucherzentrum Hoheward trotz einiger Regenschauer erwartungsgemäß wie in den Vorjahren als Publikumsmagnet. „Supertalent“ Jay Oh begeisterte das Publikum, Funk-Freunde freuten sich über die Gewinner des Deutschen Rock und Pop Preises Society Be und Nina Zaborowski rockte mit ihrem FatPack das feierbereite Publikum. Es gab Lachyoga, Paraden mit den Freien Schnappviechern Recklinghausen: Großartige Kostüme und ein tolles Event. Auf der  Europas größter Haldenlandschaft Hoheward (ein Besucher der Halde: „Wir haben den größten Schlackeberch weit und breit. Kommen, sehen, staunen.“) konnten die Tapfersten der Ruhrpotteingeborenen gemeinsam mit einigen Waldrittern auf verregnete Alienjagd gehen und wem das nich nicht genügte, auf den warteten im Malakow Turm diverse Zombies. Ob auf der Fressmeile, bei der Haldenabfahrt der Freerider, dem Besuch der Ausstellung zur Geschichte der Zeche Ewald oder beim Feuerwerk: Es dürfte niemand der Anwesenden bereut haben, sich ins Getümmel gestürzt zu haben. Beeindruckend geriet auch die weitläufige Kunstausstellung und zu umfangreich waren die Arbeiten, um hier            einzeln Erwähnung zu finden. Die kunstgewordenen Buden und Trinkhallen des Reviers von Michael Wienand kamen beim Publikum besonders gut an; doch auch abstraktere Arbeiten fanden ihre Fans.  In den Flottmann Hallen zu Herne wurde zur Musik von Banda Senderos und Beiträgen des „theaterkohlenpott“ gefeiert und man erfreute sich am Rudelsingen, bis schließlich bei einer Kopfhörerparty bis in die Nacht hinein gefeiert wurde. Die ehemalige Schmiede und Schlosserei der Firma Flottmann, die hier seit 1909 Bohrhämmer für den Bergbau produzierte, ist eine beeindruckende Jugendstil Konstruktion.  Indem die rostigen Relikte der Montangeschichte des Ruhrgebietes nicht als Schandfleck der Vergangenheit weggeleugnet, sondern –zum Beispiel bei der ExtraSchicht- bespielt, gefeiert und zu neuem Leben erweckt werden, gelingt dem Ruhrgebiet etwas Großartiges, das Beifall verdient. An kaum einem anderen Ort werden so planvoll verseuchte Abraumhalden zum Ausflugsziel, verlassene Werkshallen zu Kulturstätten und alte Fördertürme zu Wahrzeichen, auf die man stolz ist. In Zeiten, in denen es sehr einfach ist, politische Entscheider zu kritisieren, wird an dieser Stelle eine großartige Leistung deutlich: Dass die Geschichte und die Identität einer Region nicht restlos dem Strukturwandel und den „Modern Times“ zum Opfer fallen, sondern als Teil des Reviers ein wichtiger Teil unserer Zukunft bleiben. Und wenn das soviel Spaß macht, wie auf der ExtraSchicht, um so besser.