RuhrGesichter Die Balver Höhle ist eine der bedeutendsten archäologischen Fundstätten der Mittleren Altsteinzeit in Europa; Funde belegen ihre Nutzung über zahlreiche Epochen hinweg bis ins Mittelalter. Ob bereits im Neolithikum Steine rhythmisch aufeinandergeschlagen, an verzerrten Wolfssehnen gezupft und sich die Bewohner mit kehligen Growls um den Schlaf gebracht haben: Wir wissen es nicht.

Prophecy Fest in der Balver Höhle                                                             

Wo der Underground noch under ground ist

Ganz    sicher    gibt    es    bereits    seit    dem    frühen    20.    Jahrhundert    Theater-    und Musikveranstaltungen   in   der   Höhle   und   schon   seit   vielen   Jahren   wird   hier   auch das   jährliche   Festival   des   Prophecy   Labels   zelebriert.   Das   Festival   wurde   2015 von   Martin   Koller   gegründet,   ausdrücklich   als   Live-Verlängerung   des   Geistes   von Prophecy    Productions    und    als    eine    Art    Familientreffen    für    die    internationale Gemeinschaft    rund    um    das    Label.    Koller    hat    Prophecy    Productions    1996 gegründet.   Die   Geschichte   des   Labels   reicht   sogar   noch   etwas   weiter   zurück:   Seit 1993   hatte   Koller   unter   dem   Namen   Prophecy   zunächst   einen   Versandhandel betrieben;   als   eigentlicher   Startschuss   des   Labels   gilt   dann   die   Veröffentlichung von Empyriums „A Wintersunset…“. Black   Metal,   Neofolk,   Gothic,   Doom,   Folk,   Ambient   und   avantgardistische   Klänge erreichten     mit     Prophecy     als     Geburtshelfer     die     Ohren     der     interessierten Hörerschaft. Donnerstag Der   Donnerstag   begann   als   Prophetic   Overture    auf   der   Wiese   vor   der   Höhle mit   Freibier,   ansonsten   war   wie   jedes   Jahr   Selbstversorgung   angesagt;   warum   im feiererprobten   Schützenfestumfeld   der   Balver   Höhle   kein   Grill   und   Getränkestand bei   der   Overture   gewollt   wird,   entzieht   sich   nach   wie   vor   unserem   Verständnis. Begleitet   wurde   die   Freiluftveranstaltung   stets   vom   bangen   Blick   in   den   Himmel, denn   der   erfahrene   Prophecy   Fest   Besucher   weiß:   Den   Sommer   im   Sauerland erkennt man oft nur daran, dass der Regen wärmer ist als sonst. Es    spielten    Nest,    Neun    Welten    und    Simone    Salvatori.    Das    Festival    war    am Donnerstag   weniger   ein   großes   Festival,   als   ein   Treffen   von   Leuten,   die   sich   alle eine   ungewöhnliche   Plattensammlung   zugelegt   hatten   und   sich   freuten,   dass auch   ein   paar   Musiker   vorbeischauten   und   spielten,   ohne   vor   einer   riesigen   LED- Wand   auf   großer   Bühne   ihre   Relevanz   beweisen   zu   müssen.   Das   gelang:   Aslak Tolonen   brachte   als   NEST   eine   magische   Mischung   aus   finnischem   Neofolk   und Ambient     nach     Balve.     Neun     Welten     legten     anschließend     mit     ihrem Jubiläumsprogramm   zu   „Vergessene   Pfade“   nach.   Das   Album   feierte   2026   sein 20-jähriges   Bestehen   und   sollte   am   Freitag   um   ein   zusätzliches   Metal-Set   ergänzt werden.   Simone   Salvatori   beendete   den   Abend:   Für   Freitag   wurden   Spiritual Front   mit   einem   Jubiläumsset   zu   „Armageddon   Gigolo“   angekündigt,   Salvatoris Solokonzert   zur   Gitarre   wirkte   dagegen   wie   der   kleine,   schwarze   Becher   Espresso nach einem sehr ausgedehnten Abendessen. Hat uns geschmeckt. Natur,   Dunkelheit,   Folk,   Melancholie,   ein   bisschen   Pathos:   Das   war   der   Frischluft   - Donnerstag VOR dem Höhlen – Festival. Schön war’s. Freitag Nachdem   wir   eine   in   Höhlenlehm   frittierte   Fledermaus   gefrühstückt   hatten,   ging es   pünktlich   für   den   Tagesstart   mit   FARSOT   in   die   große   Hallenhöhle:   Die   Band eröffnete   den   Tag   mit   avantgardistischem   und   überraschend   überwältigendem Black Metal. Sehr geil. Dold   Vorde   Ens   Navn   machten   anschließend   deutlich,   dass   aus   Norwegen   auch heute   noch   Black   Metal   kommt,   der   nicht   wie   eine   historische   Reenactment- Veranstaltung   klingt.   Gefällt!   Maunah   sorgten   auf   der   kleineren   Bühne   für   einen willkommenen    Perspektivwechsel.    Während    in    der    Höhle    bereits    die    nächste große   Inszenierung   vorbereitet   wurde,   entwickelte   sich   im   hinteren   Teil   der   Höhle ein   deutlich   intimerer   Moment,   auch   wenn   der   Sound   zwischenzeitlich   drohte   zur akustischen Ursuppe zu mutieren, aber auch das war zügig im Griff. Spiritual   Front   und   das   Jubiläum   von   „Armageddon   Gigolo“:   Simone   Salvatori kann   gleichzeitig   melancholisch,   zynisch,   elegant   und   albern   sein,   er   beherrscht dieses    Spiel    aus    großer    Stimme,    nihilistischem    Pathos    und    theatralischer Selbstironie   wie   kaum   ein   anderer.   Die   Musik   ist   nicht   ganz   die   unsere;   was   an dieser    Stelle    keine    Aussage    über    Qualität    ist,    sondern    über    persönlichen Geschmack. Die   Prophecy   –   Dauergäste   von   Dymna   Lotva   wiederum   brachten   die   Schwere zurück.    Die    belarussische    Band    hatte    bereits    bei    früheren    Prophecy-Fest- Auftritten    bewiesen,    dass    sie    sich    auch    unter    schwierigen    Bedingungen durchsetzen   konnte.   Die   Band   hatte   diesmal   gutes,   neues   Material   des   aktuellen Albums „Vyraj“ im Gepäck. „A   Wintersunset…“   feierte   2026   sein   30-jähriges   Jubiläum   und   Empyrium   spielten das   komplette   Album.   Es   war   nicht   irgendeine   Jubiläumsnummer:   Empyrium   und „A   Wintersunset…“   stehen   am   Anfang   der   Geschichte   von   Prophecy   Productions. Die   akustischen   Instrumente   schienen   durch   den   Raum   zu   wandern   und   wenn Markus   Stock   und   seine   Mitstreiter   in   die   härteren   Passagen   einstiegen,   fühlte sich   das   nicht   wie   ein   akustischer   Widerstreit   zu   den   „lichten“   Schwebemomenten an, sondern wie deren dunkler Schatten. Beeindruckend und zeitlos schön. Wer     Neun     Welten     bislang     vor     allem     mit     akustischen     Instrumenten, folkloristischen   Melodien   und   jener   verträumten   Melancholie   verbunden   hatte,   die sich   hervorragend   für   Spaziergänge   durch   neblige   Wälder   eignet,   bekam   auf   der kleinen   Bühne   die   andere   Seite   der   Band   zu   hören.   Die   Akustik   machte   aus   den Gitarren    keinen    klinisch    sauberen    Metal-Sound,    sondern    verlieh    ihm    etwas Erdiges   und   Körperliches.   Selbst   dort,   wo   es   heftiger   wurde,   blieb   der   zu   Neun Welten   passende   Eindruck   bestehen,   dass   hinter   dem   Metal   immer   noch   ein nebeliger   Wald   auf   den   Wanderer   wartete.   Aus   dem   sehnsüchtigen   Wandern wurde    ein    entschlosseneres    Voranschreiten;    aus    dem    Rascheln    im    Unterholz wurde gelegentlich ein ziemlich ordentliches Gitarrenbrett vor den Kopf. Arthur   Brown   ist   einer   jener   Künstler,   bei   denen   das   Alter   zur   Fußnote   wird:   Er stellte   sein   neuestes   Baby   „Nature“   vor   und   auch   nach   seiner   mehr   als   sechs Jahrzehnte   währenden   Karriere   muss   man   ihm   -   ob   bei      „Nature“,   oder   seinem Welthit „Fire“ - zugestehen: Der „Herr der Hüte“ kann es noch.  Der   Auftritt   von   Tiamat   bedeutete   dann   die   große   Rückkehr   zum   schweren   Stoff und   geriet   gleichzeitig   zu   einer   Zeitreise   in   die   Mitte   der   Neunziger.   „Wildhoney   & More“,    das    wegweisende    Album    von    1994    wurde    ausgiebig    zelebriert.    Das Songmaterial   klingt   in   einer   normalen   Konzerthalle   schon   nach   düsterem   Wald und   vom   Nachtwind   verwehten   Träumen,   in   der   Höhle   bekam   das   Ganze   eine intensive   Körperlichkeit.   Das   war   kein   „seht   her,   wir   haben   800   Scheinwerfer,   sind lauter   als   alle   anderen   und   spielen   zum   Schluss“,   sondern   ein   etwas   in   die   Jahre gekommenes   Hochamt   des   sich   aus   dem   Death-Doom-Kokon   herausgearbeiteten düsterem,    psychedelisch    angehauchten    Gothic    Rock,    dessen    todesmetallische Vergangenheit   nie   ganz   verschwunden   ist.   Mit   Klingeln   im   Ohr,   Knirschen   im   Knie und   der   Gewissheit,   dass   Alter   angesichts   des   Direktvergleichs   von   Tiamat   zu Arthur   Brown   doch   auch   nur   sehr   relativ   ist,   ging   es   dann   heimwärts,   um   vor dem Festival - Samstag eine Tüte Schlaf zu ergattern. Samstag Stainthorpe,    Deeks    &    Quail    eröffneten    den    Tag    mit    einer    ungewöhnlichen Kooperation,   die   Stücke   von   My   Dying   Bride,   Arð   und   Jo   Quail   zusammenbrachte. Da lohnte es sich, „früh“ aufzustehen. Camerata   Mediolanense   brachten   anschließend   italienische   Neoklassik   zwischen „Campo   di   Marte“   und   „Atalanta   Fugiens“   zu   Gehör.   Von   vielen   Prophecy   Fans geliebt,   von   einigen   gehasst   (wir   gehören   zur   ersten   Gruppe)   wirkte   die   Musik   die Ensembles   nicht   so   sehr   direkt   nach   vorn   auf   die   Zwölf,   wie   bei   vielen   anderen Bands   des   Festivals,   sondern   breitete   sich   langsam   in   die   Breite   aus   und   erfüllte schwebend den Raum. Dornenreich   lieferten   ein   großartiges   Metal-Set,   in   dem   sich   bei   aller   Brachialität die enorme stilistische Bandbreite der Band wiederfand. Sun   of   the   Sleepless   schloss   daran   mit   einem   seltenen   Live-Set   an.   Typische Musik   aus   dem      Schwadorf   –   Kosmos.   Wir   Ruhrgesichter   mögen   so   etwas   in   alles Facetten.  Die   Isländer   von   Misþyrming   lieferten   einen   musikgewordenen   Vorschlaghammer. Noch   kurz   zuvor   hatte   man   sich   in   neoklassischen   Klanglandschaften   verloren, nun wurde die Höhle auf links gedreht. Die   Weltpremiere   von   Sleeping   Pulse,   also   Mick   Moss   von   Antimatter   und   Luís Fazendeiro   und   ihrem   2014er   Album   „Under   the   Same   Sky“   war   großartig.   Mit „Dreams     &     Limitations“     gibt     es     mittlerweile     auch     frische     Ohren-     und Seelennahrung: Wir werden uns mit Sleeping Pulse definitiv weiter beschäftigen. Auf   der   zweiten   Bühne   spielten   Paragon   of   Beauty;   und   die   alten   Bekannten   von Hangover in Minsk. Secrets of the Moon spielten das coole „Antithesis“-Album von 2006. Als   The   3rd   and   the   Mortal   auf   die   Bühne   kletterten   begann   ein   für   uns   sehr besonderer   Moment,   da   wir   mit   den   gespielten   Alben   „Sorrow“   und   „Tears   Laid   In Earth“   auch   persönliche   Geschichte   verbinden.   Die   norwegische   Band   hatte   1994 mit    der    „Sorrow“-EP    ihren    Weg    begonnen;    gerade    die    frühe    Phase    war stilprägend   für   die   Entwicklung   des   atmosphärischen   Doom   und   später   für   die Verbindung    von    Metal    und    weiblichem    Gesang.    „Death    Hymn“    hatte    jene Mischung   aus   Schwere   und   Zerbrechlichkeit,   die   man   von   einer   Band   erwartete, die   in   einer   Zeit   entstanden   war,   als   Begriffe   wie   „Atmospheric   Metal“   noch   nicht für 1001 Spotify-Playlist missbraucht wurden. Wir    wissen    nicht,    wer    auf    diese    Idee    kam:    „Wir    lassen    Nergal    mit    einer isländischen   Black-Metal-Band   das   alte   Behemoth-Album   „Sventevith“   in   einer Höhle   spielen.“   Aber   versorgt   diese   Person   lebenslang   mit   Freibier.   Welch   ein Triumph!   Das   Material   von   „Sventevith“   war   dabei   der   ideale   Abschluss:   Nach Neoklassik,   Folk,   Doom,   Gothic,   Avantgarde   und   Rock   öffneten   sich   plötzlich wieder   diese   rohen,   finsteren   Abgründe   und   die   allerliebsten   Dämonen   stiegen mit   ihren   Wertmarken   aus   den   höllischen   Tiefen   empor,   hüpften   mit   der   Band MISTHYRMING   flammende   Pentagramme   auf   den   Höhenboden   und   kümmerten sich um die letzten Biervorräte.  Was   bleibt   vom   Prophecy   Fest   2026?   Aus   einem   Programm,   das   auf   den   ersten Blick   gelegentlich   so   gut   zusammenpasste   wie   Sauerbraten   und   Sushi   wurde durch   die   sorgfältige   kuratorische   Arbeit   von   Prophecy   und   mit   der   Höhle   als Klebstoff ein einzigartiges, stimmiges Festival. Es   gab   Pathos,   selbstverständlich.   Es   gab   Melancholie   in   industriellen   Mengen.   Es gab   extrem-metallische   Härte   und   genug   dunkle   Kleidung,   um   einen   Ruhrpott   - Kohleflöz   zu   imitieren.   Aber   es   gab   eben   auch   Humor,   Gemeinschaft   und   dieses angenehme    Gefühl,    dass    man    nicht    zu    einem    Massenevent    gefahren    war, sondern   zu   einer   ziemlich   großen   Familienfeier.   Und   man   kann   sicherlich   über   die gelegentlich   geradezu   demonstrative   Verschrobenheit   der   Prophecy-Welt   lästern, aber   das   Prophecy   Fest   2026   war   der   dreitägige   Beweis   dafür,   dass   ein   Label über    sehr    lange    Zeit    seiner    ästhetischen    Idee    treu    bleiben    kann,    ohne    in Nostalgie zu ersticken. .