RuhrGesichter Es gibt Konzerte, bei denen sich nach den ersten Takten bereits abzeichnet, wohin die Reise geht. Und es gibt Versengold. Bei der norddeutschen Folk-Rock-Band ist die Richtung zwar mit dem aktuellen Album „Eingenordet“ programmatisch vorgegeben, musikalisch aber führt der Weg am Sonntagabend im Sparkassenzelt des Zeltfestivals Ruhr durch erstaunlich viele Landschaften: von ausgelassener Feierlaune über derben Humor und stampfende Folk-Rock-Rhythmen bis hin zu nachdenklichen Momenten, in denen aus der gut gelaunten Konzertgemeinde plötzlich eine erstaunlich aufmerksame Zuhörerschaft wird.

Kritik: VERSENGOLD live                                                               

Eingenordet im Zelt

Rund   1000   Menschen   sind   gekommen,   um   den   Abschlussabend   des   Festivals   mit Versengold   zu   feiern.   Und   schnell   wird   deutlich:   Diese   Band   muss   ihr   Publikum nicht    lange    überzeugen.    Sie    muss    ihm    eigentlich    nur    einen    Anlass    geben, gemeinsam   loszulegen.   Versengold   betreten   die   Bühne   mit   jener   Mischung   aus Selbstbewusstsein,   Spielfreude   und   sorgfältig   inszeniertem   Spektakel,   die   ihre aktuelle   Tour   prägt.   Der   Einstieg   ist   dabei   mehr   als   eine   bloße   Begrüßung.   Er wirkt   wie   ein   musikalischer   Startschuss.   Das   Publikum   ist   sofort   da,   singt   mit, klatscht,    bewegt    sich    und    übernimmt    spätestens    bei    den    ersten    bekannten Refrains bereitwillig die zweite Stimme. Dass   die   Band   auf   ihrer   „Eingenordet“-Tour   neben   neuen   Liedern   auch   zahlreiche bewährte   Stücke   im   Gepäck   hat,   erweist   sich   als   kluge   Dramaturgie:   Die   neuen Songs    werden    nicht    als    Pflichtprogramm    präsentiert,    sondern    in    ein    Set eingebettet, das auch langjährige Fans abholt. Für   die   Fotografen   war   es   nicht   ganz   leicht,   den   Blick   zur   Bühne   zu   halten   und dabei     der     überdimensionalen     aufblasbaren     Weltkugel     auszuweichen,     die gelegentlich   aus   dem   Publikum   ihren   Weg   zurück   in   Richtung   Bühne   fand… Kollateralschäden… Versengold   jedenfalls   wissen   genau,   was   sie   können.   Vor   allem   wissen   sie,   dass Folk-Rock   live   nicht   allein   von   den   Liedern   lebt.   Es   ist   die   Verbindung   aus   Musik, Bewegung,   Ansagen   und   gemeinsamer   Aktion,   die   den   Abend   trägt.   Sänger Malte   Hoyer   führt   durch   das   Programm,   ohne   sich   dabei   in   den   Vordergrund   zu drängen.   Seine   Ansagen   sind   locker,   gelegentlich   frech   und   mit   jener   Portion Selbstironie   versehen,   die   zum   Wesen   der   Band   gehört.   Es   entsteht   nicht   der Eindruck,   hier   wolle   jemand   eine   perfekt   durchkomponierte   Rockshow   abspulen. Vielmehr   scheint   die   Band   immer   wieder   den   direkten   Kontakt   zum   Publikum   zu suchen.    Das    funktioniert    besonders    gut,    weil    die    Zuschauer    nicht    bloß Konsumenten bleiben. Sie sind Teil der Party. Musikalisch    ist    das    Gebotene    bemerkenswert    präzise.    Hinter    der    scheinbar mühelosen    Ausgelassenheit    steckt    eine    Band,    die    ihre    Instrumente    sicher beherrscht   und   weiß,   wann   sie   Druck   machen   und   wann   sie   Raum   lassen   muss. Geige,   Folk-Instrumente   und   Rockbesetzung   verschmelzen   zu   einem   Sound,   der seine   Wurzeln   klar   erkennen   lässt,   aber   nie   nach   Mittelaltermarkt   auf   Autopilot klingt.   Gerade   darin   liegt   eine   der   großen   Stärken   von   Versengold:   Die   Band   kann traditionelle   Klangfarben   einsetzen,   ohne   sich   von   ihnen   einengen   zu   lassen. Wenn     die     Instrumentalisten     richtig     Fahrt     aufnehmen,     wird     aus     dem Sparkassenzelt    für    einige    Minuten    ein    Tanzboden.    Die    Rhythmen    gehen unmittelbar   in   die   Beine,   und   selbst   Zuschauer,   die   zunächst   eher   abwartend wirken,   lassen   sich   von   der   Energie   anstecken.   Das   neue   Album   „Eingenordet“ liefert   dafür   reichlich   Material.   Es   ist   das   zweite   Nummer-eins-Album   der   Band und     verbindet     modernen     deutschsprachigen     Folk-Rock     mit     nordischer Bildsprache,    eingängigen    Melodien    und    Texten,    die    zwischen    Abenteuerlust, Zusammenhalt   und   gesellschaftlicher   Haltung   wechseln.   Auf   der   Bühne   zeigt sich, dass diese Stücke keineswegs nur im Studio funktionieren. „Klabauterfrau“   bringt   eine   kräftige   Portion   Seefahrerromantik   und   Bewegung   in den    Saal,    „Falscher    Leuchtturm“    setzt    einen    deutlich    kantigeren    Akzent. Überhaupt   ist   die   Mischung   aus   Ernsthaftigkeit   und   Blödsinn   ein   wesentlicher Bestandteil   dieses   Abends.   Kaum   hat   ein   Song   eine   politische   oder   nachdenkliche Note   angeschlagen,   folgt   die   nächste   Gelegenheit   zum   Mitsingen,   Schunkeln   oder Schmunzeln.   Versengold   verweigern   sich   dem   Gedanken,   ein   Konzert   müsse einen   einzigen   emotionalen   Zustand   haben.   Das   Programm   darf   albern   sein, ohne   beliebig   zu   werden,   und   ernst,   ohne   schwerfällig   zu   wirken.   Besonders deutlich   wird   das   bei   „Haut   mir   kein’   Stein“.   Wo   zuvor   getanzt,   gelacht   und mitgesungen   wurde,   verändert   sich   die   Atmosphäre   spürbar.   Die   Ballade   nimmt Tempo   aus   dem   Abend   und   schafft   einen   Moment,   in   dem   die   Texte   plötzlich deutlich mehr Gewicht bekommen. Versengold    versuchen    nicht,    aus    einem    Folk-Rock-Konzert    ein    intellektuelles Kunstprojekt   zu   machen.   Sie   wollen   unterhalten,   berühren,   zum   Tanzen   bringen und   gelegentlich   einen   Gedanken   hinterlassen.   Das   gelingt   ihnen   erstaunlich souverän. So   verabschiedet   sich   das   Zeltfestival   Ruhr   mit   einem   Konzert,   das   ziemlich genau   das   erfüllt,   was   man   sich   von   einem   solchen   Abschluss   wünscht:   Es   ist laut,     herzlich,     handgemacht,     gelegentlich     derb,     manchmal     überraschend emotional   und   vor   allem   gemeinschaftlich.   Versengold   zeigen   in   Witten,   warum sie    inzwischen    weit    über    die    klassische    Folk-Rock-Szene    hinaus    ein    großes Publikum erreichen.